Corpus iurisprudentiae Romanae

Repertorium zu den Quellen des römischen Rechts

Digesta Iustiniani Augusti

Recognovit Mommsen (1870) et retractavit Krüger (1928)
Deutsche Übersetzung von Otto/Schilling/Sintenis (1830–1833)
Buch 48 übersetzt von Sintenis
Dig. XLVIII15,
De lege Fabia de plagiariis
Liber quadragesimus octavus
XV.

De lege Fabia de plagiariis

(Vom Fabischen Gesetze über die Plagiarier1.)

1Ein plagium begeht eigentlich Der, wer einen fremden Sclaven oder Freien wissentlich und dolo malo in seine Gewalt bringt, oder der Gewalt seines Herrn entzieht. Tittmann a. a. O. erinnert daher mit Recht, dass Plagium etwas Anderes sei, als Menschenraub nach heutigen criminalrechtlichen Begriffen.

1Ul­pia­nus li­bro pri­mo re­gu­la­rum. Si li­be­rum ho­mi­nem emp­tor sciens eme­rit, ca­pi­ta­le cri­men ad­ver­sus eum ex le­ge Fa­bia de pla­gio nas­ci­tur, quo ven­di­tor quo­que fit ob­no­xius, si sciens li­be­rum es­se ven­di­de­rit.

1Ulp. lib. I. Regul. Wenn der Käufer wissentlich einen freien Menschen gekauft hat, so erwächst wider ihn ein Capitalverbrechen laut des Fabischen Gesetzes über das Plagium, es wird dadurch auch der Verkäufer schuldig, wenn er wissentlich einen freien Menschen verkauft hat.

2Idem li­bro no­no de of­fi­cio pro­con­su­lis. Scien­dum est le­gem Fa­biam ad eos non per­ti­ne­re, qui, cum ab­sen­tes ser­vos ha­be­rent, eos ven­di­de­runt: aliud est enim ab­es­se, aliud in fu­ga es­se. 1Item non per­ti­ne­re ad eum, qui man­da­vit ser­vum fu­gi­ti­vum per­se­quen­dum et dis­tra­hen­dum: nec enim fu­gam ven­di­dit. 2Am­plius di­cen­dum est et si quis Ti­tio man­da­ve­rit ser­vum fu­gi­ti­vum ad­pre­hen­den­dum, ut, si ad­pre­hen­dis­set, eum emp­tum ha­be­ret, ces­sa­re se­na­tus con­sul­tum. 3Hoc au­tem se­na­tus con­sul­to do­mi­ni quo­que con­ti­nen­tur, qui fu­gam ser­vo­rum suo­rum ven­di­de­runt.

2Idem lib. IX. de off. Procons. Es ist zu bemerken, dass das Fabische Gesetz Diejenigen nicht angehe, welche abwesende Sclaven haben, und sie verkauft haben; denn etwas Anderes ist es: abwesend sein, etwas Anderes: auf der Flucht sein; 1Ebensowenig geht es Den an, wer Auftrag ertheilt hat, einen flüchtigen Sclaven zu verfolgen und zu verkaufen; denn dann hat er keinen Flüchtling verkauft. 2Ferner fällt der Senatsbeschluss weg, wenn Jemand dem Titius aufgetragen, sich eines entlaufenen Sclaven zu bemächtigen, sodass, wenn er ihn ergriffen hätte, er ihn als gekauft haben solle. 3Es sind übrigens in diesem Senatsbeschluss auch diejenigen Herren mitinbegriffen, welche ihnen entlaufene Sclaven verkauft haben.

3Mar­cia­nus li­bro pri­mo iu­di­cio­rum pu­bli­co­rum. Le­gis Fa­biae cri­mi­ne sup­pres­si man­ci­pii bo­na fi­de pos­ses­sor non te­ne­tur, id est qui igno­ra­bat ser­vum alie­num, et qui vo­lun­ta­te do­mi­ni pu­ta­bat id eum age­re. et ita de bo­na fi­de pos­ses­so­re ip­sa lex scrip­ta est: nam ad­ici­tur ‘si sciens do­lo ma­lo hoc fe­ce­rit’: et sae­pis­si­me a prin­ci­pi­bus Se­ve­ro et An­to­ni­no con­sti­tu­tum est, ne bo­nae fi­dei pos­ses­so­res hac le­ge te­nean­tur. 1Il­lud non est omit­ten­dum, quod ex­em­plo le­gis Aqui­liae, si is, prop­ter quem quis in Fa­biam com­mi­sit, de­ces­se­rit, ad­huc ac­cu­sa­tio et poe­na le­gis Fa­biae su­per­est, ut et di­vus Se­ve­rus et An­to­ni­nus re­scrip­se­runt.

3Marcian. lib. I. judic. publ. Der Besitzer guten Glaubens eines seinem Herrn gewaltsam vorenthaltenen Sclaven begeht nicht das Verbrechen des Fabischen Gesetzes, d. h. Derjenige, welcher nicht wusste, dass es ein fremder Sclave sei, und glaubte, er thue dies mit dem Willen des Herrn, und so lautet das Gesetz über den Besitzer guten Glaubens ausdrücklich; denn es wird hinzugesetzt: Wenn er es wissentlich mit Arglist that; und oftmals ist von den Kaisern Severus und Antoninus verordnet worden, dass die Besitzer guten Glaubens durch dieses Gesetz nicht gehalten würden. 1Es ist aber nicht ausser Acht zu lassen, dass, nach Maassgabe des Aquilischen Gesetzes, wenn Derjenige, wegen wessen Jemand wider das Fabische Gesetz sich vergangen hat, verstorben, noch die Anklage und Strafe des Fabischen Gesetzes übrig ist, und so haben Divus Severus und Antoninus rescribirt.

4Gaius li­bro vi­cen­si­mo se­cun­do ad edic­tum pro­vin­cia­le. Le­ge Fa­bia te­ne­tur, qui sciens li­be­rum ho­mi­nem do­na­ve­rit vel in do­tem de­de­rit, item qui ex ea­rum qua cau­sa sciens li­be­rum es­se ac­ce­pe­rit, in ea­dem cau­sa ha­be­ri de­beat, qua ven­di­tor et emp­tor ha­be­tur. idem et si pro eo res per­mu­ta­ta fue­rit.

4Gaj. lib. XXII. ad Ed. prov. Durch das Fabische Gesetz haftet Derjenige, wer wissentlich einen freien Menschen verschenkt oder zur Mitgift gegeben hat. Es muss ferner Derjenige, wer wissentlich aus einem dieser Gründe einen Freien angenommen hat, dem Verkäufer und Käufer ganz gleich geachtet werden. Ingleichen wenn für denselben eine Sache getauscht worden ist.

5Mo­des­ti­nus li­bro sep­ti­mo de­ci­mo re­spon­so­rum. Re­spon­dit eum, qui fu­gi­ti­vum alie­num sus­ce­pis­se et ce­las­se do­cea­tur, ex eo, quod pro­prie­ta­tis quaes­tio­nem re­fer­ret, cri­men, si pro­be­tur, evi­ta­re mi­ni­me pos­se.

5Modestin. lib. XVII. Resp. hat zum Gutachten ertheilt: wer einen fremden flüchtigen Sclaven aufgenommen und versteckt zu haben überführt werde, könne dadurch, dass es hier auf eine Frage des Eigenthums ankomme, durchaus der Anklage nicht entgehn, wenn es sich erweisen lasse.

6Cal­lis­tra­tus li­bro sex­to de co­gni­tio­ni­bus. Non sta­tim pla­gia­rium es­se, qui fur­ti cri­mi­ne ob ser­vos alie­nos in­ter­cep­tos te­ne­tur, di­vus Ha­d­ria­nus in haec ver­ba re­scrip­sit: ‘Ser­vos alie­nos qui sol­li­ci­ta­ve­rit aut in­ter­ce­pe­rit, cri­mi­ne pla­gii, quod il­li in­ten­di­tur, te­n­ea­tur nec ne, fa­cit quaes­tio­nem: et id­eo non me con­su­li de ea re opor­tet, sed quod ve­ris­si­mum in re prae­sen­ti co­gnos­ci­tur, se­qui iu­di­cem opor­tet. pla­ne au­tem sci­re de­bet pos­se ali­quem fur­ti cri­mi­ne ob ser­vos alie­nos in­ter­cep­tos te­ne­ri nec id­cir­co ta­men sta­tim pla­gia­rium es­se ex­is­ti­ma­ri’. 1Idem prin­ceps de ea­dem re in haec ver­ba re­scrip­sit: ‘Apud quem unus aut al­ter fue­rit fu­gi­ti­vus in­ven­tus, qui ope­ras suas lo­ca­ve­rint ut pas­ce­ren­tur, et uti­que si idem ant­ea apud alios opus fe­ce­rint, hunc sup­pres­so­rem non iu­re quis di­xe­rit’. 2Le­ge Fa­bia ca­ve­tur, ut li­ber, qui ho­mi­nem in­ge­nuum vel li­ber­ti­num in­vi­tum ce­la­ve­rit in­vinc­tum ha­bue­rit eme­rit sciens do­lo ma­lo qui­ve in ea­rum qua re so­cius erit, qui­que ser­vo alie­no ser­vae­ve per­sua­se­rit, ut a do­mi­no do­mi­na­ve fu­giat, vel eum eam­ve in­vi­to vel in­scien­te do­mi­no do­mi­na­ve ce­la­ve­rit, in­vinc­tum ha­bue­rit eme­rit sciens do­lo ma­lo qui­ve in ea re so­cius erit, eius poe­na te­n­ea­tur.

6Callistrat. lib. VI. de cognition. Dass, wer wegen des Verbrechens des Diebstahls an weggefangenen fremden Sclaven hafte, nicht gleich ein Plagiarier sei, hat Divus Hadrianus in folgenden Worten rescribirt: Ob Der, wer fremde Sclaven veranlasst, [von ihrem Herrn zu bleiben], oder weggefangen hat, sich dadurch des ihm bezüchtigten Verbrechens des Plagiums schuldig mache, oder nicht, diese Frage ist thatsächlich, und darum braucht man nicht Mich darüber zu befragen, sondern der Richter hat sich darnach zu richten, was im gegenwärtigen Fall als das Wahrscheinlichste erscheint. Allerdings aber muss er wissen, dass Jemand wegen des Verbrechens des Diebstahls an fremden weggefangenen Sclaven haften könne, ohne deshalb gleich als ein Plagiarier betrachtet zu werden. 1Derselbe Kaiser erliess über den nemlichen Gegenstand ein Rescript in folgenden Worten: Der, bei dem einer oder der andere flüchtige Sclave vorgefunden worden, welcher seinen Dienst gegen Unterhalt vermiethet hatte, und besonders wenn derselbe schon vorher bei Andern Dienste verrichtet habe, könne mit Recht nicht für einen Plagiarier gehalten werden. 2Durch das Fabische Gesetz ist vorgeschrieben worden, dass, welcher Freie einen freigeborenen Menschen oder einen Freigelassenen wider seinen Willen verborgen und im Gefängniss gehalten, ihn wissentlich und mit Arglist gekauft, wer an irgend einer dieser Thatsachen Theil haben werde, wer, einen fremden Sclaven oder eine Sclavin überredet habe, ihrem Herrn davonzulaufen, oder ihn oder sie wider Wissen und Willen ihres Herrn oder ihrer Herrin verborgen und im Gefängniss gehalten, oder wissentlich und mit Arglist gekauft habe, oder hieran Theil nehmen werde, die Strafe desselben erleiden solle.

7Her­mo­ge­nia­nus li­bro quin­to iu­ris epi­to­ma­rum. Poe­na pe­cu­nia­ria sta­tu­ta le­ge Fa­bia in usu es­se de­siit: nam in hoc cri­mi­ne de­tec­ti pro de­lic­ti mo­do co­er­cen­tur et ple­rum­que in me­tal­lum dam­nan­tur.

7Hermogen. lib. VI. jur. Epit. Die durch das Fabische Gesetz bestimmte Geldstrafe ist ausser Gebrauch gekommen; die auf diesem Verbrechen Entdeckten werden nach Maassgabe ihres Verbrechens bestraft, und meistens zur Bergwerksarbeit verurtheilt.