Corpus iurisprudentiae Romanae

Repertorium zu den Quellen des römischen Rechts

Digesta Iustiniani Augusti

Recognovit Mommsen (1870) et retractavit Krüger (1928)
Deutsche Übersetzung von Otto/Schilling/Sintenis (1830–1833)
Buch 48 übersetzt von Sintenis
Dig. XLVIII6,
Ad legem Iuliam de vi publica
Liber quadragesimus octavus
VI.

Ad legem Iuliam de vi publica

(Zum Julischen Gesetz von der öffentlichen Gewaltthätigkeit.)

1Mar­cia­nus li­bro quar­to de­ci­mo in­sti­tu­tio­num. Le­ge Iu­lia de vi pu­bli­ca te­ne­tur, qui ar­ma te­la do­mi suae agro­ve in­ve vil­la prae­ter usum ve­na­tio­nis vel iti­ne­ris vel na­vi­ga­tio­nis co­ege­rit.

1Marcian. lib. XIV. Inst. Durch das Julische Gesetz von der öffentlichen Gewaltthätigkeit haftet Derjenige, wer Waffen und Geschosse in seinem Hause oder auf dem Lande in einem Landhause zu andern Zwecken als zum Gebrauch auf der Jagd, oder einer Reise, oder Seereise aufgehäuft hat.

2Scae­vo­la li­bro quar­to re­gu­la­rum. Ex­ci­piun­tur au­tem ar­ma, quae quis pro­mer­cii cau­sa ha­bue­rit he­redi­ta­te­ve ei ob­ve­ne­rint.

2Scaevola lib. IV. Regul. Es werden die Waffen ausgenommen, welche Jemand zum Handel gehabt, oder an ihn durch Erbgang gekommen sind.

3Mar­cia­nus li­bro quar­to de­ci­mo in­sti­tu­tio­num. In ea­dem cau­sa sunt, qui tur­bae sed­itio­nis­ve fa­cien­dae con­si­lium in­ie­rint ser­vos­ve aut li­be­ros ho­mi­nes in ar­mis ha­bue­rint. 1Ea­dem le­ge te­ne­tur, qui pu­bes cum te­lo in pu­bli­co fue­rit. 2In ea­dem cau­sa sunt, qui pes­si­mo ex­em­plo con­vo­ca­tu sed­itio­ne vil­las ex­pug­na­ve­rint et cum te­lis et ar­mis bo­na ra­pue­rint. 3Item te­ne­tur, qui ex in­cen­dio ra­pue­rit ali­quid prae­ter ma­te­riam. 4Prae­ter­ea pu­ni­tur hu­ius le­gis poe­na, qui pue­rum vel fe­mi­nam vel quem­quam per vim stu­pra­ve­rit. 5Sed et qui in in­cen­dio cum gla­dio aut te­lo ra­pien­di cau­sa fuit vel pro­hi­ben­di do­mi­num res suas ser­va­re, ea­dem poe­na te­ne­tur. 6Ea­dem le­ge te­ne­tur, qui ho­mi­ni­bus ar­ma­tis pos­ses­so­rem do­mo agro­ve suo aut na­vi sua de­ie­ce­rit ex­pug­na­ve­rit

3Marcian. lib. XIV. Inst. Ganz ebenso daran sind Diejenigen, welche einen Plan, um Aufruhr und Tumult zu erregen, eingegangen sind, und Sclaven oder freie Menschen in Waffen gehabt haben. 1Durch dasselbe Gesetz haftet der, wer, wenn er mündig ist, öffentlich bewaffnet erschienen ist. 2Ferner gehören hieher Diejenigen, die verbrecherischerweise einen Aufstand erregt, Landhäuser gestürmt und mit Waffen und Schwertern versehen Vermögensstücke geraubt haben. 3Es haftet ferner Der, wer von einer Feuersbrunst etwas Anderes als Baumaterial geraubt hat. 4Ausserdem wird mit der Strafe dieses Gesetzes Der belegt, wer einen Knaben, eine Frau, oder irgend eine andere Person genothzüchtigt hat. 5Auch wer auf einem Brandplatze mit dem Schwert oder einer Waffe des Raubens halber gewesen, oder um den Eigenthümer an Rettung seiner Sachen zu hindern, wird ebenso bestraft werden. 6Durch dasselbe Gesetz haftet ferner Derjenige, wer einen Besitzer mit Bewaffneten aus seinem Hause, Acker oder Schiffe getrieben, es erobert, oder ihn in Furcht gesetzt hat,

4Ul­pia­nus li­bro quin­qua­gen­si­mo no­no ad edic­tum. uti­ve id sta­ret, ho­mi­nes com­mo­da­ve­rit:

4Ulp. lib. LIX. ad Ed. oder zu diesem Ende Sclaven verliehen,

5Mar­cia­nus li­bro quar­to de­ci­mo in­sti­tu­tio­num. qui coe­tu con­ver­su tur­ba sed­itio­ne in­cen­dium fe­ce­rit: qui­que ho­mi­nem do­lo ma­lo in­clu­se­rit ob­se­de­rit: qui­ve fe­ce­rit, quo mi­nus se­pe­lia­tur, quo ma­gis fu­nus di­ri­pia­tur dis­tra­ha­tur: qui­ve per vim si­bi ali­quem ob­li­ga­ve­rit, nam eam ob­li­ga­tio­nem lex re­scin­dit. 1Si de vi et pos­ses­sio­ne vel do­mi­nio quae­ra­tur, an­te co­gnos­cen­dum de vi quam de pro­prie­ta­te rei di­vus Pius τῷ κοινῷ τῶν Θεσσαλῶν Grae­ce re­scrip­sit: sed et de­cre­vit, ut prius de vi quae­ra­tur quam de iu­re do­mi­nii si­ve pos­ses­sio­nis. 2Qui va­can­tem mu­lie­rem ra­puit vel nup­tam, ul­ti­mo sup­pli­cio pu­ni­tur et, si pa­ter in­iu­riam suam pre­ci­bus ex­ora­tus re­mi­se­rit, ta­men ex­tra­neus si­ne quin­quen­nii prae­scrip­tio­ne reum pos­tu­la­re pot­erit, cum rap­tus cri­men le­gis Iu­liae de ad­ul­te­ris po­tes­ta­tem ex­ce­dit.

5Marcian. lib. XIV. Inst. wer bei Versammlungen, Zusammenlauf, Tumult oder Aufruhr eine Feuersbrunst gestiftet, wer einen Menschen arglistigerweise eingeschlossen, belagert, oder es dahingebracht hat, dass eine Leiche nicht begraben, sondern geraubt und verkauft ward, und wer sich einen Andern durch Gewalt verbindlich gemacht hat; denn eine solche Verbindlichkeit hebt das Gesetz auf. 1Wenn wegen Gewaltthätigkeit und Besitz oder Eigenthum Frage entsteht, so muss zuvörderst über die Gewalt, und dann über das Eigenthum der Sache entschieden werden, hat Divus Pius τῷ Κοινῷ τῶν Θεσσαλῶν (der Gemeine der Thessaler) in griechischer Sprache rescribirt; auch hat er decretirt, es solle zuerst über die Gewaltthätigkeit und sodann über das Eigenthuns- oder Besitzrecht untersucht werden. 2Wer eine ledige oder verheirathete Frauensperson geraubt hat, wird mit dem Tode gestraft, und wenn der Vater ihm sein Verbrechen, durch Bitten erweicht, verziehen hat, so wird doch ein Dritter denselben, ohne [dass] die Einrede des Verlaufs der fünfjährigen Frist [statthätte], anklagen können, da das Verbrechen des Raubes die Wirkung des Julischen Gesetzes über den Ehebruch übersteigt.

6Ul­pia­nus li­bro sep­ti­mo de of­fi­cio pro­con­su­lis. Et eum, qui pue­rum in­ge­nuum ra­puit, pu­nien­dum di­vus Pius re­scrip­sit in haec ver­ba: ‘Ex­em­plum li­bel­li da­ti mi­hi a Do­mi­tio Sil­va­no no­mi­ne Do­mi­tii Sil­va­ni pa­trui sub­ici ius­si, mo­tus que­rel­la eius, qua sig­ni­fi­ca­vit fi­lium suum in­ge­nuum, iu­ve­nem ad­mo­dum, rap­tum at­que con­clu­sum, mox ver­be­ri­bus ac tor­men­tis us­que ad sum­mum pe­ri­cu­lum ad­flic­tum, ge­mi­ne ca­ris­si­me: ve­lim au­dias eum et, si com­pe­re­ris haec ita ad­mis­sa, rem se­ve­re ex­equa­ris’.

6Ulp. lib. VII. de off. Procons. Auch wer einen freigebornen Knaben geraubt hat, muss bestraft werden; hat Divus Pius folgendermaassen rescribirt: Die mir von Domitius Silvanus, Namens des Domitius Silvavanus, seines Vatersbruders, überreichte Bittschrift habe ich in Abschrift hier beizufügen befohlen, veranlasst durch seine Beschwerde, wodurch er zu erkennen gegeben, sein Sohn, noch in sehr jugendlichem Alter stehend, sei geraubt und eingeschlossen gehalten, und mit Schlägen und Tortur, bis zur höchsten Lebensgefahr gepeinigt worden; ich will, mein lieber Geminus, dass du über diese Sache Verhör anstellest, und wenn du gefunden, dass sich dies so verhalte, strenge verfahrest.

7Idem li­bro oc­ta­vo de of­fi­cio pro­con­su­lis. Le­ge Iu­lia de vi pu­bli­ca te­ne­tur, qui, cum im­pe­rium po­tes­ta­tem­ve ha­be­ret, ci­vem Ro­ma­num ad­ver­sus pro­vo­ca­tio­nem ne­ca­ve­rit ver­be­ra­ve­rit ius­se­rit­ve quid fie­ri aut quid in col­lum in­ie­ce­rit, ut tor­quea­tur. item quod ad le­ga­tos ora­to­res com­ites­ve at­ti­ne­bit, si quis eo­rum pul­sas­se et si­ve in­iu­riam fe­cis­se ar­gue­tur.

7Idem lib. VIII. de off. Procons. Durch das Julische Gesetz von der öffentlichen Gewaltthätigkeit haftet Derjenige, der, mit Amtsgewalt und Macht bekleidet, einen Römischen Bürger, seiner Appellation ungeachtet, getödtet, oder ausgeprügelt, oder befohlen, dass das eine oder andere geschehe, oder ihm ein Halsband11Aut quid in collum injecerit; nach Cujac. Obs. XI. 22. ist hier eine solche Art von Torturinstrument zu verstehen, wie heutzutage die Jäger den Hunden zur Dressur anzulegen pflegen, das man Korallen nennt, d. h. aufgereihete Holzkugeln mit Stacheln versehen. Anders versteht Suarez Commentar. ad L. A. Lib. II. c. 3. s. II. diesen Ausdruck, nemlich von einem beschimpfenden Instrument in der Gestalt einer forca, obwohl er zwischen dieser und der Cujacischen Erklärung die Wahl lässt. angelegt hat, damit er torquirt werde; ingleichen, was die Legaten, die Gesandten22Oratores; dass die Glosse = doctores artium verstehe, erklärt schon Gothofrd. für male, und führt aus Varro an, dass oratores eine Art legati seien, s. Budaeus l. l. p. 32. und die zu deren Gefolge gehörigen Personen angeht, wenn einer von diesen Jemanden geschlagen oder injuriirt zu haben beschuldigt wird.

8Mae­cia­nus li­bro quin­to pu­bli­co­rum. Le­ge Iu­lia de vi pu­bli­ca ca­ve­tur, ne quis reum vin­ciat im­pe­diat­ve, quo mi­nus Ro­mae in­tra cer­tum tem­pus ad­sit.

8Maecian. lib. V. Publ. Durch das Julische Gesetz von der öffentlichen Gewaltthätigkeit wird vorgeschrieben, es solle Niemand einen Angeschuldigten fesseln, oder ihn hindern, sich binnen einer bestimmten Frist zu Rom zu stellen.

9Pau­lus li­bro sep­ti­mo ad edic­tum. Ar­ma­tos non uti­que eos in­tel­le­ge­re de­be­mus, qui te­la ha­bue­runt, sed et­iam quid aliud no­ce­re pot­est.

9Paul. lib. VII. ad Ed. Unter Bewaffneten sind nicht gerade blos Diejenigen zu verstehen, welche Waffen geführt haben, sondern auch Diejenigen, welche etwas Anderes haben, was schaden kann;

10Ul­pia­nus li­bro se­xa­gen­si­mo oc­ta­vo ad edic­tum. Qui do­lo ma­lo fe­ce­rit, quo mi­nus iu­di­cia tu­to ex­er­cean­tur aut iu­di­ces ut opor­tet iu­di­cent vel is, qui po­tes­ta­tem im­pe­rium­ve ha­be­bit, quam ei ius erit, de­cer­nat im­pe­ret fa­ciat: qui lu­dos pe­cu­niam­ve ab ali­quo in­vi­to pol­li­ce­ri pu­bli­ce pri­va­tim­ve per in­iu­riam ex­ege­rit: item qui cum te­lo do­lo ma­lo in con­tio­ne fue­rit aut ubi iu­di­cium pu­bli­ce ex­er­ce­bi­tur. ex­cep­tus est, qui prop­ter ve­na­tio­nem ha­beat ho­mi­nes, qui cum bes­tiis pug­nent, mi­nis­tros­que ad ea ha­be­re con­ce­di­tur. 1Hac le­ge te­ne­tur et qui con­vo­ca­tis ho­mi­ni­bus vim fe­ce­rit, quo quis ver­be­re­tur et pul­se­tur, ne­que ho­mo oc­ci­sus sit. 2Dam­na­to de vi pu­bli­ca aqua et ig­ni in­ter­di­ci­tur.

10Ulp. lib. LXVIII. ad Ed. wer arglistigerweise es bewirkt hat, dass Verfahren nicht sicher geführt werden, oder die Richter, wie es sich gebührt, richten konnten, oder Derjenige, welcher die Macht und Amtsgewalt hat, anders, als er ein Recht dazu hat, decretire, befehle, oder handele, wer öffentlich oder privatim es unrechtmässigerweise bewirkt, dass Jemand [öffentliche] Spiele oder Geld versprach, ingleichen wer arglistigerweise bewaffnet in einer Versammlung oder da sich befunden hat, wo ein öffentliches Verfahren geführt werden wird. Eine Ausnahme macht Derjenige, wer zur Jagd Menschen hält, die mit den wilden Thieren kämpfen sollen; denn zu diesem Zweck ist es erlaubt, Diener zu halten. 1Durch dieses Gesetz haftet auch Derjenige, wer Menschen versammelt, und dann eine Gewaltthätigkeit verübt hat, in Folge deren Jemand geschlagen oder geprügelt, wenn auch Keiner getödtet ward. 2Dem wegen öffentlicher Gewaltthätigkeit Verurtheilten wird Wasser und Feuer33Dies verbannte aus Italien, s. Hugo RG. p. 636. verboten.

11Pau­lus li­bro quin­to sen­ten­tia­rum. Hi, qui ae­des alie­nas aut vil­las ex­pi­la­ve­rint ef­fre­ge­rint ex­pug­na­ve­rint, si quid in tur­ba cum te­lis fe­ce­rint, ca­pi­te pu­niun­tur. 1Te­lo­rum au­tem ap­pel­la­tio­ne om­nia, ex qui­bus sin­gu­li ho­mi­nes no­ce­re pos­sunt, ac­ci­piun­tur. 2Qui te­lum tu­tan­dae sa­lu­tis suae cau­sa ge­runt, non vi­den­tur ho­mi­nis oc­ci­den­di cau­sa por­ta­re.

11Paul. lib. V. Sentent. Die, welche fremde Häuser oder Landhäuser ausgeplündert, erbrochen, oder mit Gewalt gestürmt haben, werden, wenn sie es in einem Getümmel mit Waffen gethan haben, mit dem Tode bestraft. 1Unter Waffen (tela) wird Alles verstanden, wodurch einzelne Menschen schaden können. 2Wer eine Waffe, um sich zu schützen, führt, der wird nicht so betrachtet, als trage er sie, um Menschen zu tödten.

12Pau­lus li­bro sin­gu­la­ri ad se­na­tus con­sul­tum Tur­pil­lia­num. Qui no­va vec­ti­ga­lia ex­er­cent, le­ge Iu­lia de vi pu­bli­ca te­nen­tur.

12Idem lib. sing. ad SCtum Turpill. Wer44D. h. ein öffentlicher Beamter oder Staatspächter. neue Zollabgaben erhebt, haftet durch das Julische Gesetz von der öffentlichen Gewaltthätigkeit.