Corpus iurisprudentiae Romanae

Repertorium zu den Quellen des römischen Rechts

Digesta Iustiniani Augusti

Recognovit Mommsen (1870) et retractavit Krüger (1928)
Deutsche Übersetzung von Otto/Schilling/Sintenis (1830–1833)
Buch 48 übersetzt von Sintenis
Dig. XLVIII11,
De lege Iulia repetundarum
Liber quadragesimus octavus
XI.

De lege Iulia repetundarum

(Vom Julischen Gesetze über Beugung des Rechts aus Parteilichkeit.)

1Mar­cia­nus li­bro quar­to de­ci­mo in­sti­tu­tio­num. Lex Iu­lia re­pe­tun­da­rum per­ti­net ad eas pe­cu­nias, quas quis in ma­gis­tra­tu po­tes­ta­te cu­ra­tio­ne le­ga­tio­ne vel quo alio of­fi­cio mu­ne­re mi­nis­te­rio­ve pu­bli­co ce­pit, vel cum ex co­hor­te cu­ius eo­rum est. 1Ex­ci­pit lex, a qui­bus li­cet ac­ci­pe­re: a so­bri­nis pro­pio­re­ve gra­du co­gna­tis suis, uxo­re.

1Marcian. lib. XIV. Inst. Das Julische Gesetz über Beugung des Rechts aus Parteilichkeit11Repetundarum, sc. pecuniarum (T. O. III. p. 1436), lässt sich nicht anders geben; aus dem Römischen Namen aber erklärt sich der Anfang des Gesetzes. Vgl. Tittmann a. a. O. §. 239. betrifft diejenigen Gelder, die Jemand in einer amtlichen Stellung, Macht, Curatel, Legation, oder irgend einem andern Dienst, Amt, oder öffentlicher Anstellung22S. Cujac. Obs. VII. 9. stehend angenommen hat, oder [Einer] während er zu deren Gefolge gehörte33S. Voorda Obs. et Emend. c. 17. Cohors praetoris (etc.) sunt comites, praefecti, scribae, medici, accensi, s. Cic. in Verr. II. 4. ad Att. VII. 2. (Ernesti Clav. Cic.). 1Das Gesetz nimmt folgende Personen aus, von denen man etwas annehmen darf, die Geschwisterkinder und alle in näherer Abstufung Verwandte und die Gattin44Es bedarf kaum der Bemerkung, dass diese Stelle mit l. 6. in f. u. 7. §. 1. dem vorausgesetzten Falle nach gleich gedacht werden muss..

2Scae­vo­la li­bro quar­to re­gu­la­rum. Da­tur ex hac le­ge et in he­redes ac­tio in­tra an­num dum­ta­xat a mor­te eius qui ar­gue­ba­tur.

2Scaevola lib. IV. Regul. Es wird die Klage aus diesem Gesetze auch wider die Erben innerhalb Jahresfrist ertheilt, nemlich vom Tode des Angeschuldigten an.

3Ma­cer li­bro pri­mo pu­bli­co­rum. Le­ge Iu­lia re­pe­tun­da­rum te­ne­tur, qui, cum ali­quam po­tes­ta­tem ha­be­ret, pe­cu­niam ob iu­di­can­dum vel non iu­di­can­dum de­cer­nen­dum­ve ac­ce­pe­rit:

3Macer lib. I. Publ. Durch das Julische Gesetz über Beugung des Rechts aus Parteilichkeit haftet Derjenige, welcher während er eine öffentliche Gewalt bekleidete, Geld zur Abfassung eines Rechtspruches oder Nichtabfassung desselben oder eines Decrets empfangen hat,

4Ve­nu­leius Sa­tur­ni­nus li­bro ter­tio pu­bli­co­rum iu­di­cio­rum. vel quo ma­gis aut mi­nus quid ex of­fi­cio suo fa­ce­ret.

4Venulej. Saturnin. lib. III. publ. judic. oder damit er Etwas, was zu seiner Amtspflicht gehört, um so eher, oder nicht thue.

5Ma­cer li­bro pri­mo pu­bli­co­rum. In com­ites quo­que iu­di­cum ex hac le­ge iu­di­cium da­tur.

5Macer lib. I. Publ. Auch gegen die zum Gefolge55S. Budaeus l. l. p. 45. comites (eigentlich Begleiter) sind die zum Geschäftspersonale gehörigen Unterbeamten, s. Anm. zu l. 1. d. T. u. Jac. Lect. l. l. ad h. l. (l. l. p. 90.) der Richter gehörigen Personen wird aus diesem Gesetze ein Verfahren begründet.

6Ve­nu­leius Sa­tur­ni­nus li­bro ter­tio pu­bli­co­rum iu­di­cio­rum. Ea­dem le­ge te­nen­tur, qui ob de­nun­tian­dum vel non de­nun­tian­dum tes­ti­mo­nium pe­cu­niam ac­ce­pe­rint. 1Hac le­ge dam­na­tus tes­ti­mo­nium pu­bli­ce di­ce­re aut iu­dex es­se pos­tu­la­re­ve pro­hi­be­tur. 2Le­ge Iu­lia re­pe­tun­da­rum ca­ve­tur, ne quis ob mi­li­tem le­gen­dum mit­ten­dum­ve aes ac­ci­piat, ne­ve quis ob sen­ten­tiam in se­na­tu con­si­lio­ve pu­bli­co di­cen­dam pe­cu­niam ac­ci­piat, vel ob ac­cu­san­dum vel non ac­cu­san­dum: ut­que ur­ba­ni ma­gis­tra­tus ob om­ni sor­de se abs­ti­neant ne­ve plus do­ni mu­ne­ris in an­no ac­ci­piant, quam quod sit au­reo­rum cen­tum.

6Venulej. Saturnin. lib. III. publ. judic. Durch dasselbe Gesetz haften Diejenigen, welche zur Ablegung oder Nichtablegung eines Zeugnisses Geld erhalten haben. 1Wer nach diesem Gesetze verurtheilt worden ist, darf kein öffentliches Zeugniss ablegen, noch Richter sein, noch gerichtliche Anträge für Andere machen. 2Durch das Julische Gesetz über Beugung des Rechts aus Parteilichkeit wird verordnet, es solle Niemand Geld annehmen, um Jemanden als Soldaten auszulesen, oder zu entlassen, noch um seine Stimme im Senate oder im öffentlichen Rathe abzugeben, oder Anklage zu erheben, oder nicht zu erheben, und dass die städtischen Behörden [zu Rom]66S. Cujac. Obs. VI. 18. sich aller und jeder schmutzigen Habsucht77Sorde, s. Const. Landi Exercit. lib. ad h. l. (T. O. III. p. 1436.) enthalten, und Niemand im Jahre an Gaben und Geschenken mehr nehmen soll, als bis auf den Werth von hundert Goldstücken.

7Ma­cer li­bro pri­mo iu­di­cio­rum pu­bli­co­rum. Lex Iu­lia de re­pe­tun­dis prae­ci­pit, ne quis ob iu­di­cem ar­bi­trum­ve dan­dum mu­tan­dum iu­ben­dum­ve ut iu­di­cet: ne­ve ob non dan­dum non mu­tan­dum non iu­ben­dum ut iu­di­cet: ne­ve ob ho­mi­nem in vin­cu­la pu­bli­ca co­icien­dum vin­cien­dum vin­ci­ri­ve iu­ben­dum ex­ve vin­cu­lis di­mit­ten­dum: ne­ve quis ob ho­mi­nem con­dem­nan­dum ab­sol­ven­dum­ve: ne­ve ob li­tem aes­ti­man­dam iu­di­cium­ve ca­pi­tis pe­cu­niae­ve fa­cien­dum vel non fa­cien­dum ali­quid ac­ce­pe­rit. 1Ap­pa­ret au­tem, quod lex ab ex­cep­tis qui­dem in in­fi­ni­tum ca­pe­re per­mit­tit, ab his au­tem, qui hoc ca­pi­te enu­me­ran­tur, a nul­lo ne­que ul­lam quan­ti­ta­tem ca­pe­re per­mit­tit. 2Il­lud quo­que ca­ve­tur, ne in ac­cep­tum fe­ra­tur opus pu­bli­cum fa­cien­dum, fru­men­tum pu­bli­ce dan­dum prae­ben­dum ad­prae­hen­den­dum, sar­ta tec­ta tuen­da, an­te­quam per­fec­ta pro­ba­ta prae­sti­ta le­ge erunt. 3Ho­die ex le­ge re­pe­tun­da­rum ex­tra or­di­nem pu­niun­tur et ple­rum­que vel ex­ilio pu­niun­tur vel et­iam du­rius, pro­ut ad­mi­se­rint. quid enim, si ob ho­mi­nem ne­can­dum pe­cu­niam ac­ce­pe­rint? vel, li­cet non ac­ce­pe­rint, ca­lo­re ta­men in­duc­ti in­ter­fe­ce­rint vel in­no­cen­tem vel quem pu­ni­re non de­bue­rant? ca­pi­te plec­ti de­bent vel cer­te in in­su­lam de­por­ta­ri, ut ple­ri­que pu­ni­ti sunt.

7Macer lib. I. judic. publ. Das Julische Gesetz über Beugung des Rechts aus Parteilichkeit schreibt vor, es solle Niemand um einen Richter oder Schiedsrichter zu bestellen, zu ändern, zur Ertheilung des Befehls, dass er erkennen solle, noch um ihn nicht zu bestellen, nicht zu verändern, und nicht zu befehlen, dass er erkennen solle, noch um einen Menschen in öffentliches Gefängniss zu werfen, ihn zu fesseln, zu fesseln anzubefehlen, aus dem Gefängniss zu entlassen, noch um einen Menschen zu verurtheilen oder freizusprechen, noch zur Streitwürderung, oder zur Erhebung oder Nichterhebung eines Verfahrens in Capital- oder Pecuniärangelegenheiten Etwas annehmen. 1Es ist nun zwar richtig, dass das Gesetz von den ausgenommenen Personen [Geschenke] in unbegrenzter Maasse88D. h. ohne eine Grenze zu ziehen wie l. 6. in f. s. Cujac. Obs. VI. 18. zu nehmen gestattet, von denen99Ab his autem; Cujac. Obs. l. l. will iis autem lesen, worin ihm Jacob. Lectius ad Aemil. Macrum de publ. judic. h. l. (T. O. I. p. 91.) beitritt. Indessen geht man doch wohl sicherer mit der Glosse: sc. etiam exceptis, sed accipientibus ut faciant vel non faciant, etc. Der Sinn läuft auf eins hinaus. S. Wiel. Lect. II. 10. aber, welche in diesem Hauptstück aufgezählt werden, gestattet es von keinem, auch nur das aller geringste zu nehmen. 2Auch ist vorgeschrieben, dass die Errichtung eines öffentlichen Baues, die öffentliche Getreideaustheilung, Verabreichung und Billigung1010Approbandam. Budaeus l. l. p. 48. macht hier einige überflüssige Verbesserungsversuche; man vgl. besonders Cujac. Obs. XI. 22. und Jac. Lect. l. l. Die Stelle ist vorzüglich von Vorstehern des Gemeinwesens im Gegensatz zu in Entreprise oder Lieferung gegebenen öffentlichen Bauten und Bedürfnissen zu verstehen. Die Approbatio geschieht durch Kunstverständige. Dirksen a. a. O. S. 322. emendirt adpendendum nach Turneb. Advers. II. 13., sowie die Ausbesserung in Dach und Fach nicht eher als geschehen und entrichtet betrachtet werden soll, bis Alles contractgemäss vollendet, gebilligt und entrichtet worden ist. 3Heutzutage wird ausserordentlicherweise1111S. l. 8. de publ. judic. nach dem Julischen Gesetze über Beugung des Rechts aus Parteilichkeit gestraft, und zwar meistens mit der Verbannung, oder noch härter, je nach der Grösse des Verbrechens. Denn wenn nun Einer Geld erhalten hat, um einen Menschen zu tödten, oder, wenn auch nicht angenommen, dennoch in der Hitze Jemanden hat ums Leben bringen lassen, der entweder unschuldig war, oder den er nicht strafen durfte? Hier muss Todesstrafe, oder wenigstens Deportation auf eine Insel, wie meistens geschehen, erfolgen.

8Pau­lus li­bro quin­qua­gen­si­mo quar­to ad edic­tum. Quod con­tra le­gem re­pe­tun­da­rum pro­con­su­li vel prae­to­ri do­na­tum est, non pot­erit usu ca­pi. 1Ea­dem lex ven­di­tio­nes lo­ca­tio­nes eius rei cau­sa plu­ris mi­no­ris­ve fac­tas ir­ri­tas fa­cit im­pe­dit­que usu­ca­pio­nem, prius­quam in po­tes­ta­tem eius, a quo pro­fec­ta res sit, he­redis­ve eius ve­niat.

8Paul. lib. LIV. ad Ed. Was dem Gesetze über Beugung des Rechts aus Parteilichkeit zufolge dem Proconsul oder Prätor geschenkt worden ist, wird nicht ersessen werden können. 1Dasselbe Gesetz hebt zu diesem Ende um höhere oder niedere Preise geschehene Verkäufe und Verpachtungen als ungültig auf, und verhindert die Ersitzung, bevor der Gegenstand in die Gewalt Dessen, von dem er ausgegangen oder dessen Erben [zurück] kommt.

9Pa­pi­nia­nus li­bro quin­to de­ci­mo re­spon­so­rum. Qui mu­nus pu­bli­ce man­da­tum ac­cep­ta pe­cu­nia ru­pe­runt, cri­mi­ne re­pe­tun­da­rum pos­tu­lan­tur.

9Papin. lib. XV. Respons. Wer ein ihm öffentlich übertragenes Amt gegen Empfang von Geld veruntreuet hat, wird des Verbrechens der Beugung des Rechts aus Parteilichkeit angeklagt.