Corpus iurisprudentiae Romanae

Repertorium zu den Quellen des römischen Rechts

Digesta Iustiniani Augusti

Recognovit Mommsen (1870) et retractavit Krüger (1928)
Deutsche Übersetzung von Otto/Schilling/Sintenis (1830–1833)
Buch 47 übersetzt von Sintenis
Dig. XLVII7,
Arborum furtim caesarum
Liber quadragesimus septimus
VII.

Arborum furtim caesarum

([Von der Klage] wegen verstohlen umgehauener Bäume.)

1Pau­lus li­bro no­no ad Sa­binum. Si fur­tim ar­bo­res cae­sae sint, et ex le­ge Aqui­lia et ex duo­de­cim ta­bu­la­rum dan­dam ac­tio­nem La­beo ait: sed Tre­ba­tius ita utram­que dan­dam, ut iu­dex in pos­te­rio­re de­du­cat id quod ex pri­ma con­se­cu­tus sit et re­li­quo con­dem­net.

1Paul. lib. IX. ad Sabin. Wenn Bäume verstohlen umgehauen worden sind, so sagt Labeo, müsse sowohl eine Klage aus dem Aquilischen Gesetz als dem Zwölftafelgesetz ertheilt werden. Trebatius meint aber, es müssen beide dergestalt ertheilt werden, dass der Richter Das bei der letztern abziehe, was der Kläger durch die erstere erlangt habe, und also den [Beklagten] nur in den Ueberrest verurtheile.

2Gaius li­bro pri­mo ad le­gem duo­de­cim ta­bu­la­rum. Scien­dum est au­tem eos, qui ar­bo­res et ma­xi­me vi­tes ce­ci­de­rint, et­iam tam­quam la­tro­nes pu­ni­ri.

2Gaj. lib. I. ad leg. XII. Tab. Es ist aber zu wissen, dass Diejenigen, die Bäume und besonders Weinstöcke abschneiden, auch als Strassenräuber gestraft werden.

3Ul­pia­nus li­bro qua­dra­gen­si­mo se­cun­do ad Sa­binum. Vi­tem ar­bo­ris ap­pel­la­tio­ne con­ti­ne­ri ple­ri­que ve­te­rum ex­is­ti­ma­ve­runt. 1Ede­rae quo­que et ha­run­di­nes ar­bo­res non ma­le di­cen­tur. 2Idem de sa­lic­te­to di­cen­dum est. 3Sed si quis sa­lig­neas vir­gas in­sti­tuen­di sa­lic­ti cau­sa de­fi­xe­rit hae­que, an­te­quam ra­di­ces co­ege­rint, suc­ci­dan­tur aut evel­lan­tur, rec­te Pom­po­nius scrip­sit non pos­se agi de ar­bo­ri­bus suc­ci­sis, cum nul­la ar­bor pro­prie di­ca­tur, quae ra­di­cem non con­ce­pe­rit. 4Quod si quis ex se­mi­na­rio, id est stir­pi­tus ar­bo­rem trans­tu­le­rit, eam, quam­vis non­dum com­pre­hen­de­rit ter­ram, ar­bo­rem ta­men vi­de­ri Pom­po­nius li­bro no­no de­ci­mo ad Sa­binum pro­bat. 5Id­eo ea quo­que ar­bor es­se vi­de­tur, cu­ius ra­di­ces de­si­nent vi­ve­re. 5aRa­dix au­tem ar­bo­ris non vi­de­tur ar­bo­ris ap­pel­la­tio­ne con­ti­ne­ri, quam­vis ad­huc ter­ra con­ti­nea­tur: quam sen­ten­tiam La­beo quo­que pro­bat. 6La­beo et­iam eam ar­bo­rem rec­te di­ci pu­tat, quae sub­ver­sa a ra­di­ci­bus et­iam­nunc re­po­ni pot­est, aut quae ita trans­la­ta est, ut po­ni pos­sit. 7Stir­pes oleae ar­bo­res es­se ma­gis est, si­ve iam ege­runt ra­di­ces si­ve non­dum. 8Om­nium igi­tur ha­rum ar­bo­rum, quas enu­me­ra­vi­mus, no­mi­ne agi pot­erit.

3Ulp. lib. XLII. ad Sabin. Dass Weinstöcke unter der Benennung Bäume mitbegriffen seien, haben die Meisten unter den Alten angenommen. 1Auch Epheu und Rohr werden nicht übel unter die Bäume gezählt. 2Dasselbe gilt von den Weiden. 3Wenn aber Jemand junge Weidengerten, um ein Weidengebüsch anzulegen, in die Erde gesteckt hat, so kann, sagt Pomponius richtig, wenn dieselben, bevor sie Wurzel getrieben haben, abgeschnitten oder herausgerissen werden, nicht wegen umgehauener Bäume geklagt werden, indem Dasjenige richtiger Weise kein Baum genannt werden kann, was noch keine Wurzel getrieben hat. 4Wenn aber Jemand aus einer Pflanzschule einen Baum mit der Wurzel ausgehoben hat, so erscheint derselbe, wenn er auch die Erde noch nicht gefasst hat, doch als Baum, sagt Pomponius im neunzehnten Buche zu Sabinus. 5Darum erscheint derjenige Baum auch noch als Baum, dessen Wurzeln abgestorben sind. 5aDie Wurzel des Baumes wird als nicht von der Benennung Baum enthalten angesehen, wenn sie gleich noch von der Erde festgehalten wird; dieser Ansicht tritt Labeo auch bei. 6Labeo glaubt, dass auch derjenige Baum ganz richtig als solcher noch benannt werde, der von Wurzel aus ausgerissen noch wiedereingesetzt werden kann, oder der solchergestalt fortgetragen worden, dass er wieder gesetzt werden kann. 7Oelbaumstämme sind mehr Bäume, sie mögen schon Wurzel getrieben haben, oder nicht. 8Wegen aller vorgehends aufgezählten Bäume kann also geklagt werden.

4Gaius li­bro ..... ad le­gem duo­de­cim ta­bu­la­rum. Cer­te non du­bi­ta­tur, si ad­huc ad­eo te­ne­rum sit, ut her­bae lo­co sit, non de­be­re ar­bo­ris nu­me­ro ha­be­ri.

4Gaj. lib. I. ad leg. XII. Tab. Daran wird freilich nicht gezweifelt, dass, wenn ein Baum noch so zart ist, dass er nur ein Strauch ist, derselbe nicht unter die Bäume gezählt werden könne.

5Pau­lus li­bro no­no ad Sa­binum. Cae­de­re est non so­lum suc­ci­de­re, sed et­iam fe­ri­re cae­den­di cau­sa. cin­ge­re est de­gla­bra­re. sub­se­ca­re est sub­se­cuis­se: non enim pot­erat ce­ci­dis­se in­tel­le­gi, qui ser­ra se­cuis­set. 1Eius ac­tio­nis ea­dem cau­sa est, quae est le­gis Aqui­liae. 2Is, cu­ius usus fruc­tus est in fun­do, hanc ac­tio­nem non ha­bet: qui au­tem fun­dum vec­ti­ga­lem ha­bet, hanc ac­tio­nem ha­bet, sic­ut aquae plu­viae ar­cen­dae ac­tio­nem et fi­nium re­gun­do­rum.

5Paul. lib. IX. ad Sabin. Umhauen heisst nicht blos abschneiden, sondern auch des Umhauens wegen anschlagen; abschälen heisst die Rinde abnehmen; absägen heisst auch abgesägt haben; denn wer mit einer Säge abgesägt hat, von dem kann man nicht annehmen, dass er umgehauen habe11S. Bynkershoek Obs. IV. c. 21. und ganz besonders Cujac. Obs. IX. c. 12.. 1Der Grund dieser Klage ist derselbe wie bei der aus dem Aquilischen Gesetz. 2Wer den Niessbrauch von einem Landgute hat, der hat diese Klage nicht. Wer aber ein Zinsgut hat, dem steht diese Klage zu, sowie die wegen Abhaltung des Regenwassers und der Grenzberichtigung.

6Pom­po­nius li­bro vi­cen­si­mo ad Sa­binum. Si plu­res ean­dem ar­bo­rem fur­tim ce­ci­de­rint, cum sin­gu­lis in so­li­dum age­tur. 1At si ea­dem ar­bor plu­rium fue­rit, uni­ver­sis dum­ta­xat una et se­mel poe­na prae­sta­bi­tur. 2Si ar­bor in vi­ci­ni fun­dum ra­di­ces por­re­xit, re­ci­de­re eas vi­ci­no non li­ce­bit, age­re au­tem li­ce­bit non es­se ei ius (sic­uti tig­num aut pro­tec­tum) in­mis­sum ha­be­re. si ra­di­ci­bus vi­ci­ni ar­bor ale­tur, ta­men eius est, in cu­ius fun­do ori­go eius fue­rit.

6Pompon. lib. XX. ad Sabin. Wenn Mehrere denselben Baum verstohlen umgehauen haben, so wird wider jeden Einzelnen auf das Ganze geklagt werden. 1Wenn aber derselbe Baum Mehreren gehört hat, so wird Allen zusammen nur eine und dieselbe Strafe geleistet. 2Wenn ein Baum in des Nachbars Boden seine Wurzeln getrieben hat, so darf sie der Nachbar nicht abschneiden; allein darauf darf er klagen, dass der [Andere] kein Recht dazu habe, [die Wurzeln] gleich einem Balken oder Wetterdach vorgeschoben zu haben. Wenn der Baum durch die Wurzeln des Nachbars ernährt wird, so gehört er doch Dem, auf dessen Landgute er seinen Ursprung genommen hat.

7Ul­pia­nus li­bro tri­gen­si­mo oc­ta­vo ad edic­tum. Fur­tim cae­sae ar­bo­res vi­den­tur, quae igno­ran­te do­mi­no ce­lan­di­que eius cau­sa cae­dun­tur. 1Nec es­se hanc fur­ti ac­tio­nem scri­bit Pe­dius, cum et si­ne fur­to fie­ri pos­sit, ut quis ar­bo­res fur­tim cae­dat. 2Si quis ra­di­ci­tus ar­bo­rem evel­le­rit vel ex­stir­pa­ve­rit, hac ac­tio­ne non te­ne­tur: ne­que enim vel cae­dit vel suc­ci­dit vel sub­se­cuit: Aqui­lia ta­men te­ne­tur, qua­si ru­pe­rit. 3Et­iam­si non to­ta ar­bor cae­sa sit, rec­te ta­men age­tur qua­si cae­sa. 4Si­ve au­tem quis suis ma­ni­bus, si­ve dum im­pe­rat ser­vo ar­bo­res cin­gi sub­se­ca­ri cae­di, hac ac­tio­ne te­ne­tur. idem et si li­be­ro im­pe­ret. 5Quod si ser­vo suo non prae­ce­pe­rit do­mi­nus, sed ip­se sua vo­lun­ta­te id amis­e­rit, Sa­b­inus ait com­pe­te­re noxa­le, ut in ce­te­ris ma­le­fi­ciis: quae sen­ten­tia ve­ra est. 6Haec ac­tio et­iam­si poe­na­lis sit, per­pe­tua est. sed ad­ver­sus he­redem non da­tur: he­redi ce­te­ris­que suc­ces­so­ri­bus da­bi­tur. 7Con­dem­na­tio au­tem eius du­plum con­ti­net.

7Ulp. lib. XXXVIII. ad Ed. Verstohlen umgehauen zu sein scheinen diejenigen Bäume, die ohne Wissen des Eigenthümers und um es ihm zu verheimlichen umgehauen worden. 1Auch ist dies keine Diebstahlsklage, schreibt Pedius, da es ja auch ohne Diebstahl daran möglich ist, dass Jemand Bäume verstohlen umhauet. 2Wer einen Baum mit der Wurzel ausgerissen oder ausgerodet hat, haftet durch diese Klage nicht, denn er hat ihn weder umgehauen, noch abgeschnitten, noch abgesägt. Allein er haftet durch die Aquilie, als habe er ihn verdorben. 3Auch wenn nicht der ganze Baum umgehauen worden ist, kann rechtlichermaassen doch geklagt werden, als sei er umgehauen. 4Es mag aber Jemand mit seinen Händen es gethan, oder seinen Sclaven anbefohlen haben, Bäume abzuschälen, umzusägen, oder umzuhauen, er haftet durch diese Klage. Ebenso, wenn er es einem Freien befiehlt. 5Hat es der Herr nicht seinem Sclaven befohlen, sondern es einwilligend geschehen lassen, so, sagt Sabinus, stehe die Noxalklage, wie bei andern Missethaten zu; diese Ansicht ist richtig. 6Diese Klage, obgleich eine Strafklage, ist doch von immerwährender Dauer, wird aber wider den Erben nicht ertheilt; dem Erben und andern Rechtsnachfolgern wird sie aber ertheilt werden. 7Die Verurtheilung bei derselben begreift das Doppelte,

8Pau­lus li­bro tri­gen­si­mo no­no ad edic­tum. Fa­cien­da aes­ti­ma­tio­ne, quan­ti do­mi­ni in­ter­sit non lae­di: ip­sa­rum­que ar­bo­rum pre­tium de­du­ci opor­tet et eius quod su­per­est fie­ri aes­ti­ma­tio­nem. 1Fur­tim ar­bo­rem cae­dit, qui clam cae­dit. 2Igi­tur si ce­ci­de­rit et lu­cri fa­cien­di cau­sa con­trec­ta­ve­rit, et­iam fur­ti te­ne­bi­tur lig­no­rum cau­sa et con­dic­tio­ne et ad ex­hi­ben­dum. 3Qui per vim scien­te do­mi­no cae­dit, non in­ci­dit in hanc ac­tio­nem.

8Paul. lib. XXXIX. ad Ed. wobei die Schätzung nach dem Interesse des Eigenthümers, dass [die Bäume] unbeschädigt blieben, zu treffen ist; es muss auch der Werth der Bäume selbst abgezogen und der Ueberrest gewürdert werden. 1Verstohlen hauet Der einen Baum um, der ihn heimlich umhauet. 2Hat er ihn nun umgehauen, und in gewinnsüchtiger Absicht entwendet, so wird er wegen des Holzes auch durch die Diebstahlsklage haften, und durch die Condiction, sowie auf Auslieferung. 3Wer einen Baum mit Vorwissen des Eigenthümers gewaltsam umhauet, der verfällt dieser Klage nicht.

9Gaius li­bro ter­tio de­ci­mo ad edic­tum pro­vin­cia­le. Si co­lo­nus sit, qui ce­ci­de­rit ar­bo­res, et­iam ex lo­ca­to cum eo agi pot­est. pla­ne una ac­tio­ne con­ten­tus es­se de­bet ac­tor.

9Gaj. lib. XIII. ad Ed. prov. Wenn der Pächter es gewesen, der die Bäume umgehauen hat, so kann auch die Verpachtsklage wider ihn angestellt werden. Mit einer Klage muss aber der Kläger sich begnügen.

10Iu­lia­nus li­bro ter­tio ex Mi­n­icio. Si ge­mi­na ar­bor es­set et su­pra ter­ram iunc­tu­ra eius emi­ne­ret, una ar­bor vi­de­tur es­se. sed si id qua iun­ge­re­tur non ex­sta­ret, to­ti­dem ar­bo­res sunt, quot spe­cies ea­rum su­pra ter­ram es­sent.

10Julian. lib. III. ex Minic. Wenn der Baum ein doppelter ist, und seine Verbindung aus der Erde hervorragt, so erscheint er als ein einziger Baum; wenn aber die Verbindung nicht über der Oberfläche hervorragt, so sind es soviel Bäume, als einzelne Stämme über der Erde sichtbar sind.

11Pau­lus li­bro vi­cen­si­mo se­cun­do ad edic­tum. Sed si de ar­bo­ri­bus cae­sis ex le­ge Aqui­lia ac­tum sit, in­ter­dic­to quod vi aut clam red­di­to ab­sol­ve­tur, si sa­tis pri­ma con­dem­na­tio­ne gra­va­ve­rit reum, ma­nen­te ni­hi­lo mi­nus ac­tio­ne ex le­ge duo­de­cim ta­bu­la­rum.

11Paul. lib. XXII. ad Ed. Wenn aber wegen umgehauener Bäume aus dem Aquilischen Gesetze geklagt worden ist, so wird [der Thäter], wenn das Interdict Was gewaltsam oder heimlich ertheilt worden, freigesprochen werden, wenn er durch die erste Klage den Beklagten bereits genugsam beschweret hat, allein die Klage aus dem Zwölftafelgesetz bleibt nichtsdestoweniger bestehend.

12Ia­vo­le­nus li­bro quin­to de­ci­mo ex Cas­sio. Qui agrum ven­di­dit, ni­hi­lo mi­nus fur­tim ar­bo­rum cae­sa­rum age­re pot­est.

12Javolen. lib. XV. ex Cass. Wer einen Acker verkauft hat, der kann nichtsdestoweniger wegen [vorher] verstohlen umgehauener Bäume Klage erheben.