Corpus iurisprudentiae Romanae

Repertorium zu den Quellen des römischen Rechts

Digesta Iustiniani Augusti

Recognovit Mommsen (1870) et retractavit Krüger (1928)
Deutsche Übersetzung von Otto/Schilling/Sintenis (1830–1833)
Buch 47 übersetzt von Sintenis
Dig. XLVII6,
Si familia furtum fecisse dicetur
Liber quadragesimus septimus
VI.

Si familia furtum fecisse dicetur

(Wenn ein Gesinde einen Diebstahl begangen haben soll.)

1Ul­pia­nus li­bro tri­gen­si­mo oc­ta­vo ad edic­tum. Uti­lis­si­mum id edic­tum prae­tor pro­pos­uit, quo do­mi­nis pro­spi­ce­ret ad­ver­sus ma­le­fi­cia ser­vo­rum, vi­de­li­cet ne, cum plu­res fur­tum ad­mit­tunt, ever­tant do­mi­ni pa­tri­mo­nium, si om­nes de­de­re aut pro sin­gu­lis aes­ti­ma­tio­nem li­tis of­fer­re co­ga­tur. da­tur igi­tur ar­bi­trium hoc edic­to, ut, si qui­dem ve­lit di­ce­re no­xios ser­vos, pos­sit om­nes de­de­re, qui par­ti­ci­pa­ve­runt fur­tum: enim­ve­ro si ma­lue­rit aes­ti­ma­tio­nem of­fer­re, tan­tum of­fe­rat, quan­tum, si unus li­ber fur­tum fe­cis­set, et re­ti­neat fa­mi­liam suam. 1Haec au­tem fa­cul­tas do­mi­no tri­bui­tur to­tiens, quo­tiens igno­ran­te eo fur­tum fac­tum est: ce­te­rum si scien­te, fa­cul­tas ei non erit da­ta: nam et suo no­mi­ne et sin­gu­lo­rum no­mi­ne con­ve­ni­ri pot­est noxa­li iu­di­cio, nec una aes­ti­ma­tio­ne, quam ho­mo li­ber suf­fer­ret, de­fun­gi pot­erit: is au­tem ac­ci­pi­tur sci­re, qui scit et po­tuit pro­hi­be­re: scien­tiam enim spec­ta­re de­be­mus, quae ha­bet et vo­lun­ta­tem: ce­te­rum si scit, pro­hi­buit ta­men, di­cen­dum est usu­rum edic­ti be­ne­fi­cio. 2Si plu­res ser­vi dam­num cul­pa de­de­rint, ae­quis­si­mum est ean­dem fa­cul­ta­tem do­mi­no da­ri. 3Cum plu­res ser­vi eius­dem rei fur­tum fa­ciunt et unius no­mi­ne cum do­mi­no lis con­tes­ta­ta sit, tam­diu alio­rum no­mi­ne ac­tio sus­ti­ne­ri de­be­bit, quam­diu prio­re iu­di­cio pot­est ac­tor con­se­qui, quan­tum con­se­que­re­tur, si li­ber id fur­tum fe­cis­set,

1Ulp. lib. XXXVIII. ad Ed. Der Prätor hat ein sehr nützliches Edict erlassen, worin er für die Herren gegen die Uebelthaten ihrer Sclaven sorgte, damit nemlich, wenn mehrere einen Diebstahl begehen, sie nicht das ganze Vermögen ihres Herren ruiniren, wenn er sie alle an Schadensstatt ausliefern, oder für jeden einzelnen die Streitwürderung erlegen soll. Es wird nemlich nach diesem Edicte in sein Belieben gestellt, dass, wenn er seine Sclaven für schuldig erachtet, er alle diejenigen ausliefern möge, die an dem Diebstahl Theil genommen haben; will er hingegen lieber die Streitwürderung erlegen, so mag er soviel anbieten, wie wenn ein einziger Freier den Diebstahl begangen hätte, und dann sein Gesinde behalten. 1Diese Befugniss wird dem Herrn so oft eingeräumt, als ein Diebstahl ohne sein Wissen geschehen ist. Wenn aber mit seinem Wissen, so darf ihm dieselbe nicht eingeräumt werden; denn dann kann er sowohl im eigenen Namen, als Namens der einzelnen mit der Noxalklage angegriffen werden, und kann sich nicht mit der Würderung, die ein freier Mensch zu erlegen haben würde, aus der Sache ziehen. Etwas zu wissen, wird von Dem angenommen, der es weiss, und verhindern konnte; denn man muss die Wissenschaft in Betracht ziehen, welche eine Zustimmung enthält, weiss er es und hat er es verboten, so kann er von der Rechtswohlthat des Edicts Gebrauch machen. 2Wenn mehrere Sclaven einen Schaden durch Verschulden angerichtet haben, so ist es der Billigkeit entsprechend, dem Herrn dieselbe Befugniss einzuräumen. 3Wenn mehrere Sclaven an derselben Sache einen Diebstahl begehen, und Namens des einen wider den Herrn das Verfahren eingeleitet worden ist, so wird die Klage Namens der andern so lange aufgeschoben werden müssen, als der Kläger durch die erste Klage soviel erlangen kann, wie er erlangen würde, wenn ein Freier den Diebstahl begangen hätte,

2Iu­lia­nus li­bro vi­cen­si­mo ter­tio di­ges­to­rum. id est et poe­nae no­mi­ne du­plum et con­dic­tio­nis sim­plum.

2Julian. lib. XXIII. Dig. d. h. sowohl Namens der Strafe das Doppelte, als der Condiction das Einfache.

3Ul­pia­nus li­bro tri­gen­si­mo oc­ta­vo ad edic­tum. Quo­tiens tan­tum prae­stat do­mi­nus, quan­tum prae­sta­re­tur, si unus li­ber fe­cis­set, ces­sat ce­te­ro­rum no­mi­ne ac­tio, non ad­ver­sus ip­sum, ve­rum et­iam ad­ver­sus emp­to­rem dum­ta­xat, si for­te quis eo­rum, qui si­mul fe­ce­rant, ven­ie­rit. idem­que et si fue­rit ma­nu­mis­sus. quod si prius fue­rit ab­la­tum a ma­nu­mis­so, tunc da­bi­tur ad­ver­sus do­mi­num fa­mi­liae no­mi­ne: nec enim pot­est di­ci, quod a ma­nu­mis­so prae­sti­tum est, qua­si a fa­mi­lia es­se prae­sti­tum. pla­ne si emp­tor prae­sti­te­rit, pu­to de­ne­gan­dam in ven­di­to­rem ac­tio­nem: quo­dam­mo­do enim hoc a ven­di­to­re prae­sti­tum est, ad quem non­num­quam re­gres­sus est ex hac cau­sa, ma­xi­me si fur­tis11Die Großausgabe liest fur­to statt fur­tis. no­xa­que so­lu­tum es­se pro­mi­sit. 1Sed an, si le­ga­ti ser­vi no­mi­ne vel eius, qui do­na­tus est, ac­tum sit cum le­ga­ta­rio vel eo, cui do­na­tus est, agi pos­sit et­iam cum do­mi­no ce­te­ro­rum, quae­ri­tur: quod ad­mit­ten­dum pu­to. 2Hu­ius edic­ti le­va­men­tum non tan­tum ei, qui ser­vos pos­si­dens con­dem­na­tus prae­sti­tit tan­tum, quan­tum, si unus li­ber fe­cis­set, da­tur, ve­rum ei quo­que, qui id­cir­co con­dem­na­tus est, quia do­lo fe­ce­rat quo mi­nus pos­si­de­ret.

3Ulp. lib. XXXVIII. ad Ed. So oft der Herr soviel gewährt, als es der Fall sein würde, wenn ein Freier es gethan hätte, so fällt Namens der übrigen die Klage weg, und zwar nicht blos wider ihn selbst, sondern auch wider den Käufer, wenn einer von den Thätern verkauft worden ist. Ingleichen wenn er freigelassen worden. Ist von Seiten des Freigelassenen früher soviel erlegt worden, so wird doch wider den Herrn Namens des Gesindes [die Klage ertheilt], denn es kann nicht Dasjenige, was von einem Freigelassenen gewährt worden, als von dem Gesinde erlegt betrachtet werden. Wenn es freilich der Käufer erlegt hat, so muss meiner Ansicht nach wider den Verkäufer die Klage verweigert werden; denn dies ist dann gewissermaassen vom Verkäufer geleistet worden, an den zuweilen aus diesem Grunde der Regress genommen werden kann, besonders wenn er versprochen, dass [der verkaufte Sclave] von Diebstahl und Noxa frei sei. 1Ob aber, wenn Namens eines vermachten Sclaven, oder dessen, der geschenkt worden, wider den Vermächtnissinhaber oder den Beschenkten bereits geklagt worden ist, auch wider den Herrn der übrigen geklagt werden könne? das ist die Frage. Ich halte es für zulässig. 2Die Erleichterung dieses Edicts wird nicht blos Dem zu Theil, der im Besitz der Sclaven verurtheilt soviel erlegt hat, wie, wenn ein freier Mensch es gethan hätte, sondern auch Dem, der deshalb verurtheilt worden ist, weil er sich des Besitzes mit Arglist entledigt hat.

4Iu­lia­nus li­bro vi­cen­si­mo se­cun­do di­ges­to­rum. Et­iam he­redi­bus eius, cui plu­res eius­dem fa­mi­liae fur­tum fe­ce­rint, ea­dem ac­tio com­pe­te­re de­bet, quae tes­ta­to­ri com­pe­te­bat, id est ut om­nes non am­plius con­se­quan­tur, quam con­se­que­ren­tur, si id fur­tum li­ber fe­cis­set.

4Julian. lib. XXII. Dig. Auch den Erben Dessen, den mehrere zu demselben Gesinde gehörige Sclaven bestohlen haben, muss dieselbe Klage zustehen, die dem Testator zustand, d. h. dass alle nicht mehr erlangen, als es der Fall sein würde, wenn diesen Diebstahl ein Freier begangen hätte.

5Mar­cel­lus li­bro oc­ta­vo di­ges­to­rum. Fa­mi­lia com­mu­nis scien­te al­te­ro fur­tum fe­cit: om­nium no­mi­ne cum eo qui scit fur­ti agi pot­erit, cum al­te­ro ad eum mo­dum, qui edic­to com­pre­hen­sus est: quod il­le prae­sti­te­rit non to­tius fa­mi­liae no­mi­ne, ab hoc so­cio par­tem con­se­que­re­tur. et si ser­vus com­mu­nis al­te­rius ius­su dam­num de­de­rit, et­iam quod prae­sti­te­rit al­ter, si mo­do cum eo quo­que ex le­ge Aqui­lia vel ex duo­de­cim ta­bu­lis agi pot­est, re­pe­tat a so­cio, sic­uti cum com­mu­ni rei no­ci­tum est. si er­go dum­ta­xat duos ha­bue­rim ser­vos com­mu­nes, cum eo, quo non igno­ran­te fac­tum est, age­tur utrius­que ser­vi no­mi­ne, sed non am­plius con­se­quen­tur a so­cio, quam si unius no­mi­ne prae­sti­tis­set: quod si cum eo, quo igno­ran­te fac­tum est, age­re vo­let, du­plum tan­tum con­se­que­tur. et vi­dea­mus, an iam in so­cium al­te­rius ser­vi no­mi­ne non sit dan­dum iu­di­cium, quem­ad­mo­dum si om­nium no­mi­ne so­cius de­ci­dis­set: ni­si for­te hoc ca­su se­ve­rius a prae­to­re con­sti­tuen­dum est nec ser­vo­rum con­scio par­cen­dum est.

5Marcell. lib. VIII. Dig. Wenn ein [Zweien] gemeinschaftliches Gesinde mit Vorwissen des Einen einen Diebstahl begangen hat, so wird Namens aller [einzelnen Sclaven] wider den darum Wissenden die Diebstahlsklage erhoben, wider den Andern aber nur unter der im Edicte gedachten Beschränkung [geklagt werden können]. Hat Ersterer Ersatz geleistet, so wird er nicht Namens des ganzen Gesindes vom Andern die Hälfte zurückverlangen können11Ich interpungire nach praestiterit, mit Cujac. Obs. VI. 1. s. auch Ramos del Manzano ad leg. Jul. et Pap. l. II. c. 10 (T. M. V. 151.). Und wenn ein gemeinschaftlicher Sclave auf Geheiss des einen Herrn Schaden angerichtet hat, so fodert der Andere auch Das, was er an Ersatz geleistet hat, sobald wider ihn auch aus dem Aquilischen Gesetze oder aus dem Zwölftafelgesetz hat geklagt werden können, von seinem Theilhaber zurück, sowie wenn einer ihnen gemeinschaftlich gehörigen Sache ein Schaden zugefügt worden ist. Wenn wir also blos zwei uns gemeinschaftlich gehörige Sclaven gehabt haben, und zwar mit Jemandem, mit dessen Wissen es geschehen ist, so wird Namens beider Sclaven geklagt werden, allein er wird von seinem Theilhaber nicht mehr erhalten, als wenn er Namens Eines Ersatz geleistet hätte, wenn aber [der Bestohlene] wider Den, ohne dessen Wissen es geschehen, klagen wollte, so wird er nur das Doppelte22Wie bei einem Freien. erlangen. Es frägt sich aber, ob nicht wider den Theilhaber Namens des andern Sclaven eine Klage nicht weiter ertheilt werden müsse, etwa weil ja der Erstere Namens beider gezahlt hätte? Allein es möchte wohl der Prätor für diesen Fall eine härtere Bestimmung erlassen und den Mitwisser33Ich lese conscius mit der Flor. — M. s. übrigens den Casus des Franc. Accurs. in der Glosse. der Sclaven nicht schonen dürfen.

6Scae­vo­la li­bro quar­to quaes­tio­num. La­beo pu­tat, si co­he­res meus, quod fur­tum fa­mi­lia cu­ius fe­cis­set, du­plum abs­tu­lis­set, me non im­pe­di­ri, quo mi­nus du­pli agam, eo­que mo­do frau­dem edic­to fie­ri es­se­que in­iquum plus he­redes nos­tros fer­re, quam fer­re­mus ip­si. 1Idem, si de­func­tus mi­nus du­plo abs­tu­lit, ad­huc sin­gu­los he­redes rec­te ex­per­i­ri. Scae­vo­la re­spon­dit: ve­rius pu­to par­tes eius he­redes per­se­cu­tu­ros, sed ut cum eo, quod de­func­tus abs­tu­lit, uter­que he­res non plus du­plo fe­rat.

6Scaev. lib. IV. Quaest. Labeo glaubt, wenn mein Miterbe darum, weil Jemandes Gesinde einen Diebstahl begangen, das Doppelte erhalten habe, ich dennoch nicht verhindert werde, ebenfalls darauf Klage zu erheben, und dass auf diese Weise das Edict nicht44Die Stellung dieses Nachsatzes scheint mir die Negation noch zu supponiren. umgangen werde, und als sei es unbillig, dass unsere Erben mehr erhalten sollen, als wir selbst. 1Ebenso können die einzelnen Erben noch Klage erheben, wenn der Erblasser weniger als das Doppelte erhalten habe. Ich halte jedoch, hat Scaevola55Die Abtheilung der Interpunction möchte wohl hier so zu fassen sein, dass Scaevola’s Meinung die letzte wird, s. Joan. Altamiran. Tract. IV. ad Scaev. Quaest. l. IV. §§. 8. sq. (T. M. II. p. 434.). Ich lese mit Flor. geantwortet, für richtiger, dass die Erben ihre Antheile nur rechtlich verfolgen dürfen, sodass beide Erben mit Dem, was der Erblasser erlangt hat, nicht mehr als das Doppelte erhalten.