Corpus iurisprudentiae Romanae

Repertorium zu den Quellen des römischen Rechts

Digesta Iustiniani Augusti

Recognovit Mommsen (1870) et retractavit Krüger (1928)
Deutsche Übersetzung von Otto/Schilling/Sintenis (1830–1833)
Buch 47 übersetzt von Sintenis
Dig. XLVII20,
Stellionatus
Liber quadragesimus septimus
XX.

Stellionatus

(Vom Stellionat.)

1Pa­pi­nia­nus li­bro pri­mo re­spon­so­rum. Ac­tio stel­lio­na­tus ne­que pu­bli­cis iu­di­ciis ne­que pri­va­tis ac­tio­ni­bus con­ti­ne­tur.

1Papin. lib. I. Respons. Die Klage wegen Stellionats gehört weder zu den öffentlichen Anklagen, noch zu den Privatklagen.

2Ul­pia­nus li­bro oc­ta­vo ad Sa­binum. Stel­lio­na­tus iu­di­cium fa­mo­sum qui­dem non est, sed co­er­ci­tio­nem ex­tra­or­di­na­riam ha­bet.

2Ulp. lib. VIII. ad Sabin. Die Anklage wegen Stellionats ist zwar keine infamirende, aber sie lässt eine ausserordentliche Strafe zu.

3Idem li­bro oc­ta­vo de of­fi­cio pro­con­su­lis. Stel­lio­na­tus ac­cu­sa­tio ad prae­si­dis co­gni­tio­nem spec­tat. 1Stel­lio­na­tum au­tem ob­ici pos­se his, qui do­lo quid fe­ce­runt, scien­dum est, sci­li­cet si aliud cri­men non sit quod ob­icia­tur: quod enim in pri­va­tis iu­di­ciis est de do­lo ac­tio, hoc in cri­mi­ni­bus stel­lio­na­tus per­se­cu­tio. ubi­cum­que igi­tur ti­tu­lus cri­mi­nis de­fi­cit, il­lic stel­lio­na­tus ob­icie­mus. ma­xi­me au­tem in his lo­cum ha­bet: si quis for­te rem alii ob­li­ga­tam dis­si­mu­la­ta ob­li­ga­tio­ne per cal­li­di­ta­tem alii dis­tra­xe­rit vel per­mu­ta­ve­rit vel in so­lu­tum de­de­rit: nam hae om­nes spe­cies stel­lio­na­tum con­ti­nent. sed et si quis mer­ces sup­po­sue­rit vel ob­li­ga­tas aver­te­rit vel si cor­ru­pe­rit, ae­que stel­lio­na­tus reus erit. item si quis im­pos­tu­ram fe­ce­rit vel col­lu­sio­nem in ne­cem al­te­rius, stel­lio­na­tus pot­erit pos­tu­la­ri. et ut ge­ne­ra­li­ter di­xe­rim, de­fi­cien­te ti­tu­lo cri­mi­nis hoc cri­men lo­cum ha­bet, nec est opus spe­cies enu­me­ra­re. 2Poe­na au­tem stel­lio­na­tus nul­la le­gi­ti­ma est, cum nec le­gi­ti­mum cri­men sit. so­lent au­tem ex hoc ex­tra or­di­nem plec­ti, dum­mo­do non de­beat opus me­tal­li haec poe­na in ple­beis egre­di. in his au­tem, qui sunt in ali­quo ho­no­re po­si­ti, ad tem­pus rele­ga­tio vel ab or­di­ne mo­tio re­mit­ten­da est. 3Qui mer­ces sup­pres­sit, spe­cia­li­ter hoc cri­mi­ne pos­tu­la­ri pot­est.

3Idem lib. VIII. de off. Procons. Die Anklage wegen Stellionats gehört zur Erörterung und Entscheidung des Präsidenten. 1Der Stellionat kann Denen vorgeworfen werden, die Etwas arglistigerweise begangen haben, vorausgesetzt, dass ihnen deshalb kein anderes Verbrechen Schuld gegeben wird; was nemlich unter den Privatklagen die Klage wegen Arglist ist, das ist unter den Verbrechen die Verfolgung des Stellionats. Sobald also für ein Verbrechen keine besondere Benennung vorhanden ist, da, sagen wir, ist ein Stellionat vorhanden. Namentlich aber hat er da statt, wenn etwa Einer die einem Andern verpfändete Sache, während er die Verbindlichkeit ableugnet, listigerweise an einen Dritten verkauft, oder vertauscht, oder an Zahlungsstatt gegeben hat; alle diese verschiedenen Fälle enthalten einen Stellionat. Auch wer Waaren untergeschoben, verpfändete abhanden gebracht, oder verdorben hat, der wird ebenfalls des Stellionats verdächtig sein. Ingleichen wenn Jemand ein Taschenspielerstück verübt, oder zum Schaden11In necem, s. Duker l. l. p. 431. eines Dritten mit Andern ein Complott geschmiedet hat, wird Anklage wegen Stellionats erhoben werden können. Ueberhaupt also hat dieses Verbrechen allemal dann statt, wenn einem Verbrechen der Name fehlt, und es ist mithin nicht nöthig, alle einzelnen Fälle aufzuzählen. 2Für den Stellionat ist keine gesetzmässige Strafe vorgeschrieben, indem es kein solches Verbrechen ist, von dem die Gesetze sprechen; Verbrechen der Art pflegen daher ausserordentlicherweise bestraft zu werden, doch darf für Plebejer die Strafe der Bergwerksarbeit nicht überschritten werden. In Ansehung Derer, die einem höhern Range angehören, ist Verweisung auf Zeit oder Ausschliessen aus ihrem Stande anzuwenden22Remittenda, die Glosse erklärt dies durch mitigare. Jens. p. 500. will (angeblich ὀφετέον statt ἐφετέον) injungere herausbringen. Der Sinn kann weiter nicht zweifelhaft sein, allein der Gebrauch von remittere ist eigenthümlich, s. Cujac. Obs. XXI. 29., Eckhard Herm. p. 595. sq. (Walch.). 3Wer Waaren unterschlagen hat, kann wegen dieses Verbrechens besonders zur Untersuchung gezogen werden.

4Mo­des­ti­nus li­bro ter­tio de poe­nis. De per­iu­rio, si sua pi­g­no­ra es­se quis in in­stru­men­to iu­ra­vit, cri­men stel­lio­na­tus fit, et id­eo ad tem­pus ex­ulat.

4Modestin. lib. III. de poen. Wegen Meineides findet, wenn Jemand geschworen hat, die in einer Urkunde verpfändeten Sachen seien sein, ebenfalls das Verbrechen des Stellionats statt, und darum wird der Verbrecher auf Zeit verbannt.