Corpus iurisprudentiae Romanae

Repertorium zu den Quellen des römischen Rechts

Digesta Iustiniani Augusti

Recognovit Mommsen (1870) et retractavit Krüger (1928)
Deutsche Übersetzung von Otto/Schilling/Sintenis (1830–1833)
Buch 47 übersetzt von Sintenis
Dig. XLVII11,
De extraordinariis criminibus
Liber quadragesimus septimus
XI.

De extraordinariis criminibus

(Von ausserordentlichen Verbrechen.)

1Pau­lus li­bro quin­to sen­ten­tia­rum. Sol­li­ci­ta­to­res alie­na­rum nup­tia­rum item­que ma­tri­mo­nio­rum in­ter­pel­la­to­res et si ef­fec­tu sce­le­ris po­ti­ri non pos­sunt, prop­ter vo­lun­ta­tem per­ni­cio­sae li­bi­di­nis ex­tra or­di­nem pu­niun­tur. 1Fit in­iu­ria con­tra bo­nos mo­res, vel­uti si quis fi­mo cor­rup­to ali­quem per­fu­de­rit, cae­no lu­to ob­li­nie­rit, aquas spur­ca­ve­rit, fis­tu­las la­cus quid­ve aliud ad in­iu­riam pu­bli­cam con­ta­mi­na­ve­rit: in quos gra­vi­ter anim­ad­ver­ti so­let. 2Qui pue­ro stu­prum ab­duc­to ab eo vel cor­rup­to comite per­sua­se­rit aut mu­lie­rem puel­lam­ve in­ter­pel­la­ve­rit quid­ve im­pu­di­ci­tiae gra­tia fe­ce­rit, do­mum prae­bue­rit pre­tium­ve, quo is per­sua­deat, de­de­rit: per­fec­to fla­gi­tio pu­ni­tur ca­pi­te, in­per­fec­to in in­su­lam de­por­ta­tur: cor­rup­ti com­ites sum­mo sup­pli­cio ad­fi­ciun­tur.

1Paul. lib. V. Sentent. Wer fremde Verlobungen stört, und fremden Ehen nachstellt11Sollicitatores alienar. nuptiar., itemque matrimonior. interpellatores. Cujac. ad Paul. S. R. V. 4. §. 5. versteht ersteres vom Versuch des Ehebruchs, und letzteres von dem Begehren zur Ehe. Schulting zu ders. Stelle legt den Unterschied so aus, wie die Uebersetzung giebt: sollicitatores sponsas alienas, interpellatores nuptas corrumpere et earum matrimonium ambire censet. Dem schliesst sich auch Heinecc. ad Briss. v. interpell. an., der wird, wenn er das Verbrechen auch nicht zur Ausführung bringen kann, dennoch wegen der Absicht seiner verderblichen Gelüste ausserordentlicherweise gestraft. 1Eine Injurie den guten Sitten zuwider geschieht dann, wenn Einer dem Andern mit Jauche begossen, oder mit Koth und Schmutz beworfen, das Wasser verunreinigt, und Röhren, Seen oder dergleichen, um das Publicum zu injuriiren, besudelt hat; gegen Solche pflegt eine schwere Strafe verhängt zu werden. 2Wer einen Knaben, nachdem er seinen Begleiter ihm entführt, oder bestochen, zur Schändung beredet, oder einer Frau oder einem Mädchen dazu Anträge gemacht, und deren Sittsamkeit beschimpft, ihr ein Geschenk dargereicht oder einen Lohn gegeben hat, um sie zu verführen, der wird, wenn er seine schlechte That ausgeführt hat, mit der Capitalstrafe belegt, wenn nicht, mit Deportation auf eine Insel; bestochene Begleiter werden mit dem Tode bestraft.

2Ul­pia­nus li­bro quar­to opi­nio­num. Sub prae­tex­tu re­li­gio­nis vel sub spe­cie sol­ven­di vo­ti coe­tus il­li­ci­tos nec a ve­te­r­a­nis temp­ta­ri opor­tet.

2Ulp. lib. IV. Opin. Selbst Veteranen22S. Nicol. Catharini Obs. Lib. III. c. 44. (T. M. VI. p. 789.) — Man glaubt hier die Christen gemeint, s. Marquard Freher. Parerg. c. XI. Lib. II. (T. O. I. p. 919.) dürfen unter einem religiösen Vorwande, oder dem der Lösung eines Gelübdes keine unerlaubten Versammlungen halten.

3Idem li­bro ter­tio de ad­ul­te­ris. Stel­lio­na­tus vel ex­pi­la­tae he­redi­ta­tis iu­di­cia ac­cu­sa­tio­nem qui­dem ha­bent, sed non sunt pu­bli­ca.

3Marcian. lib. III. de Adult. Die Klagen wegen Stellionat33S. u. Tit. 20. d. B. und geplünderter Erbschaft enthalten zwar eine Anklage, sind aber keine öffentliche [Verfahren].

4Mar­cia­nus li­bro pri­mo re­gu­la­rum. Di­vus Se­ve­rus et An­to­ni­nus re­scrip­se­runt eam, quae da­ta ope­ra ab­egit, a prae­si­de in tem­po­ra­le ex­ilium dan­dam: in­dig­num enim vi­de­ri pot­est im­pu­ne eam ma­ri­tum li­be­ris frau­das­se.

4Idem lib. I. Regul. Divus Severus und Antoninus haben rescribirt: welche [Frau] absichtlich sich die Leibesfrucht abgetrieben habe, solle vom Präsidenten in zeitliche Verbannung geschickt werden, denn es kann unwürdig scheinen, dass sie ihren Mann ungestraft um die Kinder bringen soll.

5Ul­pia­nus li­bro quin­to de of­fi­cio pro­con­su­lis. In eum, cu­ius in­stinc­tu ad in­fa­man­dum do­mi­num ser­vus ad sta­tuam con­fu­gis­se com­per­tus erit, prae­ter cor­rup­ti ser­vi ac­tio­nem, quae ex edic­to per­pe­tuo com­pe­tit, se­ve­re anim­ad­ver­ti­tur.

5Ulp. lib. V. de off. Procons. Wider Den, auf dessen Antrieb ein Sclave zur Ehrenkränkung seines Herrn zu einer Statue entflohen ist, wird ausser der Klage wegen Verführung des Sclaven, die aus dem immerwährenden Edicte zuständig ist, noch eine strenge Strafe verhängt.

6Idem li­bro oc­ta­vo de of­fi­cio pro­con­su­lis. An­no­nam ad­temp­ta­re et ve­xa­re vel ma­xi­me dar­da­na­rii so­lent: quo­rum ava­ri­tiae ob­viam itum est tam man­da­tis quam con­sti­tu­tio­ni­bus. man­da­tis de­ni­que ita ca­ve­tur: ‘Prae­ter­ea de­be­bis cus­to­di­re, ne dar­da­na­rii ul­lius mer­cis sint, ne aut ab his, qui co­emp­tas mer­ces sup­pri­munt, aut a lo­cu­ple­tio­ri­bus, qui fruc­tus suos ae­quis pre­tiis ven­de­re nol­lent, dum mi­nus ube­res pro­ven­tus ex­spec­tant, an­no­na one­re­tur’. poe­na au­tem in hos va­rie sta­tui­tur: nam ple­rum­que, si neg­otian­tes sunt, neg­otia­tio­ne eis tan­tum in­ter­di­ci­tur, in­ter­dum et rele­ga­ri so­lent, hu­mi­lio­res ad opus pu­bli­cum da­ri. 1One­rant an­no­nam et­iam sta­te­rae ad­ul­te­ri­nae, de qui­bus di­vus Tra­ia­nus edic­tum pro­pos­uit, quo edic­to poe­nam le­gis Cor­ne­liae in eos sta­tuit, per­in­de ac si le­ge tes­ta­men­ta­ria, quod tes­ta­men­tum fal­sum scrip­sis­set sig­nas­set re­ci­tas­set, dam­na­tus es­set. 2Sed et di­vus Ha­d­ria­nus eum, qui fal­sas men­su­ras ha­buit, in in­su­lam rele­ga­vit.

6Idem lib. VIII. de off. Procons. In der Regel pflegen besonders die Aufkäufer Getreide aufzukaufen und es theuer zu machen; diesem Wucher ist sowohl durch Mandate als Constitutionen vorgebeugt worden. Durch Mandate ist folgendes verordnet: Ausserdem hast du Obacht zu nehmen, dass keine Aufkäufer irgend einer Art von Waaren ihr Wesen treiben, damit nicht von Denen, die aufgekaufte Waaren liegen lassen, oder von Reichern, die ihre Früchte nicht zu billigen Preisen verkaufen wollen, während sie auf Missernten warten, das Getreide vertheuert werde. Die Strafe wider dieselben wird verschiedentlich verhängt; sind sie Negotianten, so wird ihnen meistens blos ihr Geschäftsbetrieb untersagt, zuweilen werden sie auch verwiesen; Leute niederer Classe werden zu öffentlicher Arbeit verurtheilt. 1Auch falsches Gemäss vertheuert das Getreide, worüber Divus Trajanus ein Edict erlassen hat, worin er wider Verbrecher der Art die Strafe des Cornelischen Gesetzes bestimmt hat, wie wenn Einer nach dem testamentarischen Gesetze deswegen, dass er ein falsches Testament geschrieben, untersiegelt, oder vorgelesen, verurtheilt worden wäre. 2Auch hat Divus Hadrianus Einen, der falsches Gemäss geführt hatte, auf eine Insel verwiesen.

7Idem li­bro no­no de of­fi­cio pro­con­su­lis. Sac­cu­la­rii, qui ve­ti­tas in sac­cu­los ar­tes ex­er­cen­tes par­tem sub­du­cunt, par­tem sub­tra­hunt, item qui de­rec­ta­rii ap­pel­lan­tur, hoc est hi, qui in alie­na ce­na­cu­la se di­ri­gunt fu­ran­di ani­mo, plus quam fu­res pu­nien­di sunt: id­cir­co­que aut ad tem­pus in opus dan­tur pu­bli­cum, aut fus­ti­bus cas­ti­gan­tur et di­mit­tun­tur, aut ad tem­pus rele­gan­tur.

7Idem lib. V. de off. Procons. Taschendiebe, welche verbotene Künste mit den Taschen44Cujac. Obs. X. 27. sagt: hic est sensus (der Worte: qui vetitas in sacculo artes exercentes partem subducunt, partem subtrahunt) qui magicis artibus ex alienis sacculis aut subducund pecuniam aut subtrahunt. üben, und theils [das Geld] ablocken, theils wegstipitzen, sowie die sogenannten Directarier55Tittmann Handbuch der Straf-R. W. Thl. II. §. 460. bestimmt den Begriff (nach den mannigfachen Erklärungsversuchen!) als: den Diebstahl, auf dessen Verübung der Dieb ausgegangen ist, und sich dazu in den obern Stockwerken eingeschlichen und versteckt hat, um den rechten Zeitpunkt abzuwarten., d. h. Diejenigen, welche in diebischer Absicht in fremde Wohnungen einsteigen, werden strenger als Diebe gestraft, und deshalb entweder auf eine Zeitlang zu öffentlicher Arbeit verurtheilt, oder ausgeprügelt und dann entlassen, oder auf einige Zeit verwiesen.

8Idem eo­dem li­bro. Sunt prae­ter­ea cri­mi­na, quae ad exe­cu­tio­nem prae­si­dis per­ti­nent: ut pu­ta si quis in­stru­men­ta sua pro­di­ta es­se di­cat: nam hu­ius rei exe­cu­tio prae­fec­to ur­bis a di­vis fra­tri­bus da­ta est.

8IDEM eod. libro Es giebt ausserdem noch einige Verbrechen, deren Verfolgung dem Präsidenten obliegt, z. B. wenn Jemand angiebt, es seien seine Urkunden verrathen worden; denn die Untersuchung dieses Umstandes haben die Kaiserlichen Gebrüder an den Präfecten der Stadt Rom gewiesen.

9Idem eo­dem li­bro. Sunt quae­dam, quae mo­re pro­vin­cia­rum co­er­ci­tio­nem so­lent ad­mit­te­re: ut pu­ta in pro­vin­cia Ara­bia σκοπελισμὸν cri­men ap­pel­lant, cu­ius rei ad­mis­sum ta­le est: ple­ri­que in­imi­co­rum so­lent prae­dium in­imi­ci σκοπελίζειν, id est la­pi­des po­ne­re in­di­cio fu­tu­ros, quod, si quis eum agrum co­luis­set, ma­lo le­to peritu­rus es­set in­si­diis eo­rum, qui sco­pu­los po­suis­sent: quae res tan­tum ti­mo­rem ha­bet, ut ne­mo ad eum agrum ac­ce­de­re au­deat cru­de­li­ta­tem ti­mens eo­rum qui sco­pe­lis­mon fe­ce­runt. hanc rem prae­si­des ex­equi so­lent gra­vi­ter us­que ad poe­nam ca­pi­tis, quia et ip­sa res mor­tem com­mi­na­tur.

9IDEM eod. libro Es giebt manche Verbrechen, die nach Sitte der Provinzen bestraft zu werden pflegen, z. B. nennt man in der Provinz Arabien den σκοπελίσμος (Steinsetzung) ein Verbrechen; hiermit verhält es sich folgendermaassen: wenn zwei mit einander Feind sind, so pflegen sie auf das Grundstück des Andern σκοπελίζειν, d. h. Steine zu stellen, womit sie zu erkennen geben wollen, dass, wenn Jemand diesen Acker bebaut hätte, er durch die Nachstellungen Derer, welche die Steine gestellt haben, elendiglich ums Leben kommen solle. Dies erregt so grosse Besorgniss, dass Niemand einem solchen Acker zu nahen wagt, indem er die Grausamkeit Derer fürchtet, welche den σκοπελίσμος gemacht haben. Diese Art [von Androhungen] verfolgen die Präsidenten in der Regel bis zur Todesstrafe, weil ja der Tod selbst angedrohet wird.

10Idem eo­dem li­bro. In Ae­gyp­to qui cho­ma­ta rum­pit vel dis­sol­vit (hi sunt ag­ge­res, qui qui­dem so­lent aquam Ni­lo­ti­cam con­ti­ne­re), ae­que plec­ti­tur ex­tra or­di­nem: et pro con­di­cio­ne sua et pro ad­mis­si men­su­ra qui­dam ope­re pu­bli­co, alii au­tem me­tal­lo plec­tun­tur, et me­tal­lo qui­dem se­cun­dum suam dig­ni­ta­tem. si quis ar­bo­rem sy­ca­mi­no­nem ex­ci­de­rit, nam et haec res vin­di­ca­tur ex­tra or­di­nem non le­vi poe­na, id­cir­co quod hae ar­bo­res col­li­gunt ag­ge­res Ni­lo­ti­cos, per quos in­cre­men­ta Ni­li dis­pen­san­tur et co­er­cen­tur. et de­mi­nutio­nes ae­que co­er­cen­tur: cho­ma­ta et­iam et dia­co­pi, qui in ag­ge­ri­bus fiunt, plec­ti ef­fi­ciunt eos, qui11Die Großausgabe fügt id ein. ad­mi­se­rint.

10Ulp. lib. IX. de off. Procons. Wer in Aegypten die Deiche durchsticht, oder zerstört (d. h. Dämme, die das Nilwasser zu halten pflegen) wird ausserordentlicherweise nach Verschiedenheit seines Standes und der Grösse [der Folgen] seines Verbrechens bestraft. Die Einen werden mit öffentlicher oder Bergwerksarbeit66S. l. 8. §. 4. de poen. und die Anm. das. Wo der Unterschied zwischen dieser Strafe zuweilen (in metall.), und ersten Grades (opus metalli) nicht streng hervortritt, ist blos: Bergwerksarbeit gesagt worden. bestraft; mit Bergwerksarbeit auch je nach seinem Range, wer einen Sycaminon77Eine Art Baum, dessen Wurzeln die Nildämme befestigten, Brisson (Heinecc.) v. syntaminon. abgehauen hat; denn auch dies wird ausserordentlicherweise mit einer schweren Strafe deswegen belegt, weil diese Bäume die Nildämme verfestigen, wodurch die Anschwellungen des Nils abgelassen und eingehalten, auch dem Abfluss Einhalt gethan wird. Auch wer wider Abzüge und Ableitungsgräben88Chomata et diacopi, chomata hier in dieser Bedeutung. s. Glosse., die man in den Dämmen anlegt, etwas begeht, wird gestraft.

11Pau­lus li­bro pri­mo sen­ten­tia­rum. In cir­cu­la­to­res, qui ser­pen­tes cir­cum­fe­runt et pro­po­nunt, si cui ob eo­rum me­tum dam­num da­tum est, pro mo­do ad­mis­si ac­tio da­bi­tur.

11Paul. lib. I. Sentent. Wider Schlangenbändiger, die Schlangen umhertragen und zeigen, wird, wenn Jemandem aus Furcht davor ein Schaden geschehen, nach Maassgabe des Vergehens eine Klage ertheil.