Corpus iurisprudentiae Romanae

Repertorium zu den Quellen des römischen Rechts

Digesta Iustiniani Augusti

Recognovit Mommsen (1870) et retractavit Krüger (1928)
Deutsche Übersetzung von Otto/Schilling/Sintenis (1830–1833)
Buch 29 übersetzt von Hunger unter Redaction von Otto
Dig. XXIX3,
Testamenta quemadmodum aperiuntur inspiciantur et describantur
Liber vicesimus nonus
III.

Testamenta quemadmodum aperiuntur inspiciantur et describantur

(Auf welche Weise Testamente eröffnet, eingesehen und abgeschrieben werden1.)

1Bas. L. XXXV. Tit. 6. T. IV. p. 781.

1Gaius li­bro sep­ti­mo de­ci­mo ad edic­tum pro­vin­cia­le. Om­ni­bus, qui­cum­que de­si­de­rant ta­bu­las tes­ta­men­ti in­spi­ce­re vel et­iam de­scri­be­re, in­spi­cien­di de­scri­ben­di­que po­tes­ta­tem fac­tu­rum se prae­tor pol­li­ce­tur: quod vel suo vel alie­no no­mi­ne de­si­de­ran­ti tri­bue­re eum ma­ni­fes­tum est. 1Ra­tio au­tem hu­ius edic­ti ma­ni­fes­ta est: ne­que enim si­ne iu­di­ce trans­igi ne­que apud iu­di­cem ex­qui­ri ve­ri­tas de his con­tro­ver­siis, quae ex tes­ta­men­to pro­fi­cis­ce­ren­tur, ali­ter pot­est quam in­spec­tis co­gni­tis­que ver­bis tes­ta­men­ti. 2Si quis ne­get sigil­lum suum agnos­ce­re, non id­eo qui­dem mi­nus ape­riun­tur ta­bu­lae, sed alias su­spec­tae fiunt.

1Gaj. lib. XVII. ad Edict. prov. Allen22Dies sind nicht die Edictsworte, sondern von Gajus. Auch den Fideicommissaren wird dies nach Huber gestattet., welche Testamente einsehen, oder auch abschreiben wollen, verspricht der Prätor Erlaubniss zur Einsicht33Despicere steht auch in der Florent. statt inspicere. Hal. und fast Alle haben auch inspicere aufgenommen. S. Smallenb. a. a. O. Bd. V. p. 155. und Abschrift zu geben, und bekanntlich ertheilt er dies Jedem, der in seinem eigenen oder einem fremden Namen ihn darum ersucht. 1Ad Dig. 29,3,1,1Windscheid: Lehrbuch des Pandektenrechts, 7. Aufl. 1891, Bd. II, § 414, Note 12.Der Grund [und die Veranlassung] dieses Edicts bedarf keiner Erörterung. Man kann nämlich ohne den Richter nicht anders sich vergleichen, noch bei Gericht die Wahrheit über Streitigkeiten, die aus einem Testamente herrühren, erforschen, als dadurch, dass man die Worte des Testamentes zur Ansicht und Erkennung erhält. 2Wenn einer [von den Zeugen] sein Siegel nicht anerkennen will, so wird deswegen nichts desto weniger das Testament eröffnet, allein ausserdem erregt dies Verdacht.

2Ul­pia­nus li­bro quin­qua­ge­si­mo ad edic­tum. Ta­bu­la­rum tes­ta­men­ti in­stru­men­tum non est unius ho­mi­nis, hoc est he­redis, sed uni­ver­so­rum, qui­bus quid il­lic ad­scrip­tum est: quin po­tius pu­bli­cum est in­stru­men­tum. 1Tes­ta­men­tum au­tem pro­prie il­lud di­ci­tur, quod iu­re per­fec­tum est: sed ab­usi­ve tes­ta­men­ta ea quo­que ap­pel­la­mus, quae fal­sa sunt vel in­ius­ta vel ir­ri­ta vel rup­ta: item­que in­per­fec­ta so­le­mus tes­ta­men­ta di­ce­re. 2Ad cau­sam au­tem tes­ta­men­ti per­ti­ne­re vi­de­tur id quod­cum­que qua­si ad tes­ta­men­tum fac­tum sit, in qua­cum­que ma­te­ria fue­rit scrip­tum, quod con­ti­neat su­pre­mam vo­lun­ta­tem: et tam prin­ci­pa­les quam se­cun­dae ta­bu­lae edic­to con­ti­nen­tur. 3Si plu­ra sint tes­ta­men­ta, quae quis ex­hi­be­ri de­si­de­ret, uni­ver­so­rum ei fa­cul­tas fa­cien­da est. 4Si du­bi­te­tur, utrum vi­vat an de­ces­se­rit is, cu­ius quis quod ad cau­sam tes­ta­men­ti per­ti­net in­spi­ci de­scri­bi­que pos­tu­lat, di­cen­dum est prae­to­rem cau­sa co­gni­ta sta­tue­re id de­be­re, ut, si li­que­rit eum vi­ve­re, non per­mit­tat. 4aIn­spi­ci ta­bu­las est, ut ip­sam scrip­tu­ram quis in­spi­ciat et sigil­la et quid aliud ex ta­bu­lis ve­lit spec­ta­re. 5In­spec­tio ta­bu­la­rum et­iam lec­tio­nem ea­rum in­di­cat. 6Diem au­tem et con­su­lem ta­bu­la­rum non pa­ti­tur prae­tor de­scri­bi vel in­spi­ci id­cir­co, ne quid fal­si fiat: nam­que et­iam in­spec­tio ma­te­riam fal­so fa­b­ri­can­do in­strue­re pot­est. 7Utrum au­tem in con­ti­nen­ti po­tes­ta­tem in­spi­cien­di vel de­scri­ben­di iu­bet an de­si­de­ran­ti tem­pus da­bit ad ex­hi­bitio­nem? et ma­gis est, ut da­ri de­beat se­cun­dum lo­co­rum an­gus­tias seu proli­xi­ta­tes. 8Si quis non ne­gans apud se ta­bu­las es­se non pa­tia­tur in­spi­ci et de­scri­bi, om­ni­mo­do ad hoc com­pel­le­tur: si ta­men ne­get pe­nes se ta­bu­las es­se, di­cen­dum est ad in­ter­dic­tum rem mit­ti quod est de ta­bu­lis ex­hi­ben­dis.

2Ulp. lib. L. ad Ed. Die Testamentsurkunde hat diese Eigenschaft [als Urkunde] nicht [blos] für eine einzige Person, das ist für den Erben, sondern für Alle und Jede, denen darin etwas zugedacht ist, ja sie ist vielmehr eine öffentliche44Den Grund, warum das instrum. testam. ein publicum instrum. genannt wird, setzt Wissenbach darein, weil Alle befugt sind, Einsicht davon zu nehmen. (S. Smallenb. a. a. O.) Andere beziehen sich auf die publ. auct., unter welcher ein Testament gemacht wird, Andere weil die Testamentserrichtung ad publicam utilitatem gehöre. Urkunde. 1Eigentlich heisst blos das ein Testament, was nach dem Rechte vollendet ist, allein missbräuchlich nennen wir auch die Testamente, welche falsch, widerrechtlich, ungültig umgestossen sind. Ferner55Statt itemque will Cujac. itaque. Vgl. jedoch Smallenb. a. a. O. pflegen wir auch von unvollendeten Testamenten zu sprechen. 2Zum Begriff eines Testamentes im weitesten Sinne (causa testam.) gehört alles, was mit der Wirkung eines Testamentes gemacht worden ist, auf welchen Stoff es auch geschrieben ist, wenn es nur einen letzten Willen enthält. Es erstreckt sich auch das Edict sowohl auf das Haupttestament, als auf die Nacherbeinsetzung. 3Sind mehrere Testamente vorhanden, um deren Vorzeigung Jemand ansucht, so muss es ihm erlaubt werden, alle einzusehen. 4Wenn es noch im Zweifel ist, ob der, von dessen letztwilliger Anordnung Jemand Einsicht und Abschrift nehmen will, noch lebe, oder [bereits] gestorben sei, so muss man sagen, der Prätor solle nach untersuchter Sache festsetzen, dass, wenn es erhellte, [der Anfertiger] lebe noch, sein Testament nicht eingesehen werden dürfe, 4anoch dass Jemand von der Schrift selbst, oder den Siegeln, oder was er sonst von dem Testament ansehen will, in Einsicht nehme. 5Mit der Einsicht des Testamentes ist auch das Lesen desselben verbunden. 6Vom Tag und Consul [, die im Testamente angegeben sind,] erlaubt der Prätor weder Einsicht noch Abschrift, deswegen, damit keine Fälschung geschehe. Denn sogar das Besehen kann Einem, der mit Verfälschungen umgeht, Stoff darbieten. 7Wird nun der Prätor sogleich die Einsicht und Abschrift gestatten, oder wird er auf Ausuchen eine Zeit für die Vorzeigung bestimmen? Nach besserer Ansicht soll er nach der Nähe oder Entfernung der Orte eine Zeit bestimmen. 8Wenn Jemand, ohne es zu leugnen, dass bei ihm ein Testament liege, die Einsicht und Abschrift desselben nicht gestattet, so soll er jedenfalls dazu gezwungen werden. Leugnet er jedoch, dass bei ihm sich ein Testament befinde, so muss man sagen, die Sache werde an das Interdict, welches über Vorzeigung der Testamente handelt, verwiesen66Rem remitti nach Brencm. Bemerkung. Duarenus C. 4. ad h. t. p. 624. sagt: aber im Leugnungfall gebe der Prätor einen judex zur Untersuchung darüber, „remittit ad judicem pedaneum.“.

3Gaius li­bro sep­ti­mo de­ci­mo ad edic­tum pro­vin­cia­le. Ip­si ta­men he­redi vin­di­ca­tio ta­bu­la­rum sic­ut ce­te­ra­rum he­redi­ta­ria­rum re­rum com­pe­tit et ob id ad ex­hi­ben­dum quo­que age­re pot­est.

3Gaj. lib. XVII. ad Ed. prov. Jedoch selbst dem Erben steht die Abforderung des Testaments, sowie der übrigen Erbschaftsgegenstände zu, und er kann deshalb auch auf Herausgabe klagen.

4Ul­pia­nus li­bro quin­qua­ge­si­mo ad edic­tum. Cum ab in­itio ape­rien­dae sint ta­bu­lae, prae­to­ris id of­fi­cium est, ut co­gat sig­na­to­res con­ve­ni­re et sigil­la sua re­co­gnos­ce­re

4Ulp. lib. L. ad Ed. Da gleich anfangs das Testament eröffnet werden muss, so ist es die Pflicht des Prätors, die Besiegler [des Testaments] zur Anerkennung ihrer Siegel,

5Pau­lus li­bro oc­ta­vo ad Plau­tium. vel ne­ga­re se sig­nas­se: pu­bli­ce enim ex­pe­dit su­pre­ma ho­mi­num iu­di­cia ex­itum ha­be­re.

5Paul. lib. VIII. ad Plaut. oder Ableugnung derselben zusammen kommen zu lassen. Denn es gehört zum Staatszweck, dass die letztwilligen Bestimmungen der Menschen Erfolg haben.

6Ul­pia­nus li­bro quin­qua­ge­si­mo ad edic­tum. Sed si ma­ior pars sig­na­to­rum fue­rit in­ven­ta, pot­erit ip­sis in­ter­ve­nien­ti­bus re­sig­na­ri tes­ta­men­tum et re­ci­ta­ri.

6Ulp. lib. L. ad Ed. Fand sich nun der grössere Theil derer, die siegelten, ein, so wird man bei deren Gegenwart das Testament entsiegeln und vorlesen können.

7Gaius li­bro sep­ti­mo ad edic­tum pro­vin­cia­le. Sed si quis ex sig­na­to­ri­bus ab­erit, mit­ti de­bent ta­bu­lae tes­ta­men­ti ubi ip­se sit, uti agnos­cat: nam re­vo­ca­ri eum ad­gnos­cen­di cau­sa one­ro­sum est. quip­pe sae­pe cum mag­na cap­tio­ne a re­bus nos­tris re­vo­ca­mur et sit in­iquum dam­no­sum cui­que es­se of­fi­cium suum. nec ad rem per­ti­net, unus ab­sit an om­nes. et si for­te om­ni­bus ab­sen­ti­bus cau­sa ali­qua ape­ri­re ta­bu­las ur­gueat, de­bet pro­con­sul cu­ra­re, ut in­ter­ve­nien­ti­bus op­ti­mae opi­nio­nis vi­ris ape­rian­tur et post de­scrip­tum et re­co­gni­tum fac­tum ab is­dem, qui­bus in­ter­ve­nien­ti­bus aper­tae sunt, ob­sig­nen­tur, tunc de­in­de eo mit­tan­tur, ubi ip­si sig­na­to­res sint, ad in­spi­cien­da sigil­la sua.

7Gaj. lib. VII. ad Ed. prov. Wird aber einer von den Besieglern abwesend sein, so muss das Testament an seinen Aufenthaltsort zur Anerkennung geschickt werden; denn ihn des Anerkennens wegen herzuberufen, wäre lästig, indem man oftmals nur unter grossem Nachtheil von seinen Geschäften abgezogen77Statt revocamur will Hal., dem auch Brencm. beistimmt, avocamur. wird, und es unbillig ist, wenn Jemandem88Cuique statt cuiquam. seine Pflichtleistung Schaden bringend sein soll. Und es ändert nichts an der Sache, ob nur Einer fehlt oder Alle abwesend sind. Und wenn etwa bei Aller Abwesenheit der Drang der Umstände die Testamentseröffnung erfordert99Damit z. B. das Transmissionsrecht nicht verloren gehe., so muss der Prätor dafür sorgen, dass in Gegenwart unbescholtener Männer die Eröffnung geschehe, und nach erfolgter Abschrift und Anerkennung von [Seiten] der bei dieser Handlung Gegenwärtigen [das Testament wiederum] versiegelt und sodann den Besieglern selbst, zur Besichtigung ihrer Siegel, zugeschickt werde.

8Ul­pia­nus li­bro quin­qua­ge­si­mo ad edic­tum. Pu­pil­la­res ta­bu­las, et­iam­si non fue­rit su­per­scrip­tum ne ape­ri­ren­tur, at­ta­men, si se­or­sum eas sig­na­tas tes­ta­tor re­li­que­rit, prae­tor eas ape­ri­ri ni­si cau­sa co­gni­ta non pa­tie­tur.

8Ulp. lib. L. ad Ed. Ein Testament, worin auch eine Pupillarsubstitution enthalten ist, wird der Prätor nur nach vorangegangener Untersuchung der Ursache eröffnen lassen, und dies auch dann, wenn der Erblasser sein Verbot, das Mündeltestament zu eröffnen, nicht darauf schrieb, jedoch dasselbe eigens1010D. i. es muss der Vater auch die tabulae pupillares eigens, besonders von sieben Zeugen untersiegeln haben lassen. gesiegelt hinterliess.

9Pau­lus li­bro qua­dra­ge­si­mo quin­to ad edic­tum. Si mu­lier ven­tris no­mi­ne in pos­ses­sio­ne sit, ape­rien­dae sunt se­cun­dae ta­bu­lae, ut scia­tur, cui deman­da­ta sit cu­ra­tio.

9Paul. lib. XLV. ad Ed. Wenn eine Frau ihrer Leibesfrucht wegen in den Besitz [der Hinterlassenschaft] eingewiesen wurde, so muss man das Mündeltestament eröffnen, um zu wissen, wem die Curatel übertragen wurde1111Cujac. und Pothier, fast mit denselben Worten, bemerken: damit, wenn der Vater einen Curator der Leibesfrucht im Mündeltestament bestellt haben sollte, dieser vom Prätor bestätigt werde, weil seine Bestellung im Testament nicht nach rechtlicher Vorschrift geschah..

10Ul­pia­nus li­bro ter­tio de­ci­mo ad le­gem Iu­liam et Pa­piam. Si in duo­bus ex­em­pla­riis scrip­tum sit tes­ta­men­tum, al­ter­utro pa­te­fac­to aper­tae ta­bu­lae sunt. 1Si sui na­tu­ra ta­bu­lae pa­te­fac­tae sunt, aper­tum vi­de­ri tes­ta­men­tum non du­bi­ta­tur: non enim quae­re­mus, a quo ape­rian­tur. 2Si ta­bu­lae non com­pa­reant vel ex­us­tae sint, fu­tu­rum est, ut sub­ve­ni­re le­ga­ta­riis de­beat. idem est, si sub­pres­sae vel oc­cul­tae sint.

10Ulp. lib. XIII. ad leg. Jul. et Pap. Wenn das Testament in einem doppelten Exemplar1212Es müssen jedoch beide Exemplare authentisch sein. geschrieben, und eines davon aufgemacht wurde, so ist das Testament eröffnet. 1Wenn ein Testament nach seiner eigenthümlichen Beschaffenheit aufgegangen ist, so gilt es ohne Zweifel für eröffnet; denn wir fragen nicht nach der Person, welche es eröffnete. 2Wenn aber ein Testament nicht zum Vorschein kommt, oder verbrannt wurde, so muss man den Vermächtnissnehmern zu Hülfe kommen. Und dies ebenso, wenn das Testament unterdrückt oder versteckt wurde.

11Gaius li­bro un­de­ci­mo ad le­gem Iu­liam et Pa­piam. Sic­ut co­di­cil­li pars in­tel­le­gun­tur tes­ta­men­ti, ita se­cun­dae ta­bu­lae prin­ci­pa­lium ta­bu­la­rum par­tem op­ti­ne­re vi­den­tur.

11Gaj. lib. XII. ad leg. Jul. et Pap. Sowie ein Codicill für einen Theil des Testaments angesehen wird, ebenso macht auch ein Mündeltestament (secundae tabulae) einen Theil des Haupt-(väterlichen) Testamentes aus.

12Ul­pia­nus li­bro ter­tio de­ci­mo ad le­gem Iu­liam et Pa­piam. Si quis fe­ce­rit tes­ta­men­tum et ex­em­plum eius, ex­em­plo qui­dem aper­to non­dum aper­tum est tes­ta­men­tum: quod si au­then­ti­cum pa­te­fac­tum est to­tum, aper­tum.

12Ulp. lib. XIII. ad leg. Jul. et Pap. Wenn Jemand ein Testament, und von demselben eine Abschrift machte, so ist, wenn auch die Abschrift eröffnet wurde, doch das Testament [selbst] noch nicht eröffnet. Wurde aber ein authentisches [Exemplar] aufgemacht (erbrochen), so ist das gauze Testament eröffnet.