Corpus iurisprudentiae Romanae

Repertorium zu den Quellen des römischen Rechts

Digesta Iustiniani Augusti

Recognovit Mommsen (1870) et retractavit Krüger (1928)
Deutsche Übersetzung von Otto/Schilling/Sintenis (1830–1833)
Buch 50 übersetzt von Treitschke (Titel 1–15) und Schneider (Titel 16/17)
Dig. L9,
De decretis ab ordine faciendis
Liber quinquagesimus
IX.

De decretis ab ordine faciendis

(Von den Beschlüssen des Raths.)

1Ul­pia­nus li­bro ter­tio opi­nio­num. Me­di­co­rum in­tra nu­me­rum prae­fi­ni­tum con­sti­tuen­do­rum ar­bi­trium non prae­si­di pro­vin­ciae com­mis­sum est, sed or­di­ni et pos­ses­so­ri­bus cu­ius­que ci­vi­ta­tis, ut cer­ti de pro­bi­ta­te mo­rum et pe­ri­tia ar­tis eli­gant ip­si, qui­bus se li­be­ros­que suos in ae­gri­tu­di­ne cor­po­rum com­mit­tant.

1Ulp. lib. III. Opin. Die Anstellung von Aerzten innerhalb der festgesetzten Anzahl ist nicht der Wahl des Statthalters der Provinz überlassen, sondern dem Rathe (ordo) und den Angesessenen einer jeden Stadt, sodass sie selbst, nach gewonnener Ueberzeugung über Rechtschaffenheit und Kunsterfahrenheit, den erwählen sollen, dem sie sich und ihre Kinder bei körperlichen Krankheiten anvertrauen mögen.

2Mar­cia­nus li­bro pri­mo pu­bli­co­rum. Il­la de­cre­ta, quae non le­gi­ti­mo nu­me­ro de­cu­rio­num co­ac­to fac­ta sunt, non va­lent.

2Marcian. lib. I. Public. Beschlüsse, die nicht bei versammelter gesetzlicher Anzahl der Decurionen gefasst sind, gelten nichts.

3Ul­pia­nus li­bro ter­tio de ap­pel­la­tio­ni­bus. Le­ge au­tem mu­ni­ci­pa­li ca­ve­tur, ut or­do non ali­ter ha­bea­tur quam dua­bus par­ti­bus ad­hi­bi­tis.

3Ulp. lib. III. de appellat. Es ist aber durch die Stadtverfassung bestimmt, dass nicht anders als bei Anwesenheit zweier [Dritt-] Theile der Rath [als versammelt] gelten soll11Fr. 3. et 4. quod cujusc. univ. nom. 3. 4..

4Ul­pia­nus li­bro sin­gu­la­ri de of­fi­cio cu­ra­to­ris rei pu­bli­cae. Amb­itio­sa de­cre­ta de­cu­rio­num re­scin­di de­bent, si­ve ali­quem de­bi­to­rem di­mi­se­rint si­ve lar­gi­ti sunt. 1Pro­in­de, ut so­lent, si­ve de­cre­ve­rint de pu­bli­co ali­cu­ius vel prae­dia vel ae­des vel cer­tam quan­ti­ta­tem prae­sta­ri, ni­hil va­le­bit hu­ius­mo­di de­cre­tum. 2Sed et si sa­la­rium ali­cui de­cu­rio­nes de­cre­ve­rint, de­cre­tum id non­num­quam ul­lius erit mo­men­ti: ut pu­ta si ob li­be­ra­lem ar­tem fue­rit con­sti­tu­tum vel ob me­di­ci­nam: ob has enim cau­sas li­cet con­sti­tui sa­la­ria.

4Idem lib. sing. de off. curat. reip. Parteiische Beschlüsse der Decurionen müssen umgestossen werden; sie mögen nun damit eine Schuld erlassen oder Etwas verschenkt haben. 1Daher, wenn sie, wie sie zu thun pflegen, beschlossen haben, Jemandem auf öffentliche Kosten Landgüter, oder Häuser, oder eine gewisse Summe zu schenken, so gilt ein solcher Beschluss nichts. 2Wenn aber die Decurionen Jemandem einen Gehalt aussetzen, so ist dieser Beschluss bisweilen gültig, z. B. wenn der Gehalt wegen Ausübung einer freien Kunst, oder der Arzneikunde, bewilligt wird; denn wegen solcher Ursachen ist einen Gehalt auszusetzen gestattet.

5Cal­lis­tra­tus li­bro se­cun­do de co­gni­tio­ni­bus. Quod se­mel or­do de­cre­vit, non opor­te­re id re­scin­di di­vus Ha­d­ria­nus Ni­com­eden­si­bus re­scrip­sit ni­si ex cau­sa: id est si ad pu­bli­cam uti­li­ta­tem re­spi­ciat re­s­cis­sio prio­ris de­cre­ti.

5Callistrat. lib. II. de cognition. Kaiser Hadrianus hat an die Nikomedier rescribirt, was der Rath einmal beschlossen habe, dürfe nicht umgestossen werden, es wäre denn aus Gründen, nemlich wenn die Aufhebung eines frühern Beschlusses zum gemeinen Besten gereiche.

6Scae­vo­la li­bro pri­mo di­ges­to­rum. Mu­ni­ci­pii le­ge ita cau­tum erat: ‘ἐάν τις ἔξω τοῦ συνεδρίου δικάσηται, τοῦ τε συνεδρίου εἰργέσθω καὶ προσαποτιννύτω δράχμας χιλίασ’. quae­si­tum est, an poe­nam sus­ti­ne­re de­beat, qui igno­rans ad­ver­sus de­cre­tum fe­cit. re­spon­dit et hu­ius­mo­di poe­nas ad­ver­sus scien­tes pa­ra­tas es­se.

6Scaevola lib. I. Dig. In einem Stadtrecht war festgesetzt: Ἐάν τις ἔξω τοῦ συνεδρίου δικάσηται, τοῦ τε συνεδρίου εἰρχέσθω, καὶ προσαποτινύτω δραχμὰς χιλίας22Wer ausserhalb des Raths richtet, soll aus dem Rathe geschlossen und ausserdem um tausend Drachmen gebüsst werden.. Nun ist gefragt worden: ob der in die Strafe verfallen sei, der unwissend wider den Beschluss gehandelt? Er hat geantwortet: dergleichen Strafen seien wider Wissende gemeint.