Corpus iurisprudentiae Romanae

Repertorium zu den Quellen des römischen Rechts

Digesta Iustiniani Augusti

Recognovit Mommsen (1870) et retractavit Krüger (1928)
Deutsche Übersetzung von Otto/Schilling/Sintenis (1830–1833)
Buch 49 übersetzt von Feust unter Redaction von Sintenis
Dig. XLIX8,
Quae sententiae sine appellatione rescindantur
Liber quadragesimus nonus
VIII.

Quae sententiae sine appellatione rescindantur

([Von] den Erkenntnissen, welche ohne Appellation wieder aufgehoben werden.)

1Ma­cer li­bro se­cun­do de ap­pel­la­tio­ni­bus. Il­lud me­mi­ne­ri­mus: si quae­ra­tur, iu­di­ca­tum sit nec ne, et hu­ius quaes­tio­nis iu­dex non es­se iu­di­ca­tum pro­nun­tia­ve­rit: li­cet fue­rit iu­di­ca­tum, re­scin­di­tur, si pro­vo­ca­tum non fue­rit. 1Item si cal­cu­li er­ror in sen­ten­tia es­se di­ca­tur, ap­pel­la­re ne­ces­se non est: vel­uti si iu­dex ita pro­nun­tia­ve­rit: ‘Cum con­stet Ti­tium Se­io ex il­la spe­cie quin­qua­gin­ta, item ex il­la spe­cie vi­gin­ti quin­que de­be­re, id­cir­co Lu­cium Ti­tium Se­io cen­tum con­dem­no’: nam quon­iam er­ror com­pu­ta­tio­nis est, nec ap­pel­la­re ne­ces­se est et ci­tra pro­vo­ca­tio­nem cor­ri­gi­tur. sed et si hu­ius quaes­tio­nis iu­dex sen­ten­tiam cen­tum con­fir­ma­ve­rit, si qui­dem id­eo, quod quin­qua­gin­ta et vi­gin­ti quin­que fie­ri cen­tum pu­ta­ve­rit, ad­huc idem er­ror com­pu­ta­tio­nis est nec ap­pel­la­re ne­ces­se est: si ve­ro id­eo, quon­iam et alias spe­cies vi­gin­ti quin­que fuis­se di­xe­rit, ap­pel­la­tio­ni lo­cus est. 2Item cum con­tra sa­cras con­sti­tu­tio­nes iu­di­ca­tur, ap­pel­la­tio­nis ne­ces­si­tas re­mit­ti­tur. con­tra con­sti­tu­tio­nes au­tem iu­di­ca­tur, cum de iu­re con­sti­tu­tio­nis, non de iu­re li­ti­ga­to­ris pro­nun­tia­tur. nam si iu­dex vo­len­ti se ex cu­ra mu­ne­ris vel tu­te­lae be­ne­fi­cio li­be­ro­rum vel ae­ta­tis aut pri­vi­le­gii ex­cu­sa­re, di­xe­rit ne­que fi­lios ne­que ae­ta­tem aut ul­lum pri­vi­le­gium ad mu­ne­ris vel tu­te­lae ex­cu­sa­tio­nem prod­es­se, de iu­re con­sti­tu­to pro­nun­tias­se in­tel­le­gi­tur: quod si de iu­re suo pro­ban­tem ad­mi­se­rit, sed id­cir­co con­tra eum sen­ten­tiam di­xe­rit, quod ne­ga­ve­rit eum de ae­ta­te sua aut de nu­me­ro li­be­ro­rum pro­bas­se, de iu­re li­ti­ga­to­ris pro­nun­tias­se in­tel­le­gi­tur: quo ca­su ap­pel­la­tio ne­ces­sa­ria est. 3Item cum ex edic­to per­emp­to­rio, quod ne­que pro­pos­i­tum est ne­que in no­ti­tiam per­ve­nit ab­sen­tis, con­dem­na­tio fit, nul­lius mo­men­ti es­se sen­ten­tiam con­sti­tu­tio­nes de­mons­trant. 4Si apud eun­dem iu­di­cem in­vi­cem pe­ta­mus, si et mea et tua pe­ti­tio si­ne usu­ris fuit et iu­dex me prio­rem ti­bi con­dem­na­vit, quo ma­gis tu prior me con­dem­na­tum ha­beas: non est mi­hi ne­ces­se pro hac cau­sa ap­pel­la­re, quan­do se­cun­dum sa­cras con­sti­tu­tio­nes iu­di­ca­tum a me pe­te­re non pos­sis, prius­quam de mea quo­que pe­ti­tio­ne iu­di­ce­tur. sed ma­gis est, ut ap­pel­la­tio in­ter­po­na­tur.

1Macer lib. II. de Appellat. Es ist zu bemerken, dass, wenn gefragt wird, ob [eine Sache] abgeurtheilt worden, oder nicht, und der Richter dieser Frage gesprochen hat, sie sei [noch] nicht abgeurtheilt, obgleich dieselbe abgeurtheilt ist, so wird das [erste] Erkenntniss wieder aufgehoben, auch wenn die Berufung nicht ergriffen worden ist. 1Ad Dig. 49,8,1,1ROHGE, Bd. 7 (1873), S. 59: Berichtigung von Rechnungsfehlern in einem Erkenntnisse.Ingleichen ist es, wenn angegeben wird, dass ein Rechnungsfehler in dem Urtheile sei, nicht nothwendig zu appelliren; z. B. wenn der Richter also erkannt hat: „da feststeht, dass Titius dem Sejus aus diesem Rechtsgrunde funfzig, ferner aus jenem Rechtsgrunde fünfundzwanzig[tausend Sestertien] schulde, also verurtheile ich den Lucius Titius zur [Zahlung] von hundert[tausend Sestertien] an Sejus;“ denn da ein Fehler im Zusammenrechnen vorhanden ist, so ist auch die Appellation unnöthig und die Berichtigung geschieht ohne Berufung. Auch aber wenn der Richter dieser Streitfrage das Erkenntniss auf hundert[tausend Sestertien] bestätigt hat, und zwar deshalb, weil er glaubte, funfzig und fünfundzwanzig machten Hundert, so ist noch der nemliche Fehler im Zusammenrechnen vorhanden und die Appellation unnöthig. Hat er aber [das Urtheil bestätigt], indem er angiebt, Lucius Titius sei noch aus andern Rechtsgründen fünf und zwanzig[tausend Sestertien] schuldig, so hat die Appellation statt. 2Desgleichen ist, wenn wider kaiserliche Constitutionen erkannt wird, die Nothwendigkeit der Appellation erlassen. Wider Constitutionen aber wird erkannt, wenn gegen11De jure = contra jus. einen aufgestellten Rechtssatz, nicht gegen das Recht des streitenden Theils ein Ausspruch gefällt wird. Denn wenn ein Richter wider Jemanden, der die Besorgung eines Amtes oder einer Vormundschaft aus dem Grunde der Rechtswohlthat der Kinder, oder des Alters, oder eines Vorrechtes ablehnen will, den Ausspruch gefällt hat, dass weder Kinder, noch Alter, noch irgend ein Vorrecht zur Ablehnung eines Amtes oder einer Vormundschaft diene, so hat er gegen einen aufgestellten Rechtssatz erkannt. Hat er ihn zum Beweise seines Rechtes zugelassen, aber gegen ihn den Ausspruch gefällt, indem er angiebt, derselbe habe seinen Beweis weder hinsichtlich seines Alters, noch der [gesetzlichen] Anzahl Kinder geführt, so hat er wider das Recht des streitenden Theils erkannt; in diesem Falle ist die Appellation nothwendig. 3Ferner wenn durch ein rechtsausschliessendes Edict, das weder [feierlich] eröffnet, noch zur Kunde gelangt ist, die Verurtheilung eines Abwesenden erfolgt, so beweisen die Constitutionen, dass das Urtheil ungültig sei. 4Wenn wir bei demselben Richter gegen einander klagen, und meine Forderung und die deinige unverzinslich gewesen, und der Richter mich zuerst [zur Zahlung] an dich verurtheilt hat, damit du eher meine Zahlung [als ich die deinige] fordern kannst, so habe ich nicht nöthig, deswegen zu appelliren, weil du nach den kaiserlichen Constitutionen das Zuerkannte von mir nicht eher fodern kannst, als bis auch über meine Foderung erkannt wird; es ist aber räthlicher, die Appellation einzuwenden.

2Pau­lus li­bro ter­tio re­spon­so­rum. Pau­lus re­spon­dit eum, qui in re­bus hu­ma­nis non fuit sen­ten­tiae dic­tae tem­po­re, in­ef­fi­ca­ci­ter con­dem­na­tum vi­de­ri. 1Idem re­spon­dit ad­ver­sus eum, qui in re­bus hu­ma­nis non es­set, cum iu­dex da­tus est, ne­que iu­di­cis da­tio­nem va­luis­se ne­que sen­ten­tiam ad­ver­sus eum dic­tam vi­res ha­be­re.

2Paul. lib. III. Respons. Paulus begutachtete: wer zur Zeit der Urtheilsfällung nicht mehr am Leben gewesen, dessen Verurtheilung sei als unwirksam anzusehen. 1Derselbe begutachtete: gegen Denjenigen, welcher zur Zeit, als der Richter bestellt worden, nicht mehr am Leben gewesen, sei weder die Bestellung des Richters, noch das gegen ihn gefällte Urtheil gültig.

3Idem li­bro sex­to de­ci­mo re­spon­so­rum. Pau­lus re­spon­dit in­po­s­si­bi­le prae­cep­tum iu­di­cis nul­lius es­se mo­men­ti. 1Idem re­spon­dit ab ea sen­ten­tia, cui pa­re­ri re­rum na­tu­ra non po­tuit, si­ne cau­sa ap­pel­la­ri.

3Idem lib. XVI. Respons. Paulus begutachtete: ein unmöglich [zu erfüllender] Befehl sei ungültig. 1Derselbe begutachtete: von einem Erkenntnisse, dem man nach der Natur der Sache nicht nachkommen könne, sei die Appellation überflüssig.