Corpus iurisprudentiae Romanae

Repertorium zu den Quellen des römischen Rechts

Digesta Iustiniani Augusti

Recognovit Mommsen (1870) et retractavit Krüger (1928)
Deutsche Übersetzung von Otto/Schilling/Sintenis (1830–1833)
Buch 48 übersetzt von Sintenis
Dig. XLVIII9,
De lege Pompeia de parricidiis
Liber quadragesimus octavus
IX.

De lege Pompeia de parricidiis

(Vom Pompejischen Gesetze über die Verwandtenmörder.)

1Mar­cia­nus li­bro quar­to de­ci­mo in­sti­tu­tio­num. Le­ge Pom­peia de par­ri­ci­diis ca­ve­tur, ut, si quis pa­trem ma­trem, avum aviam, fra­trem so­ro­rem pa­true­lem ma­true­lem, pa­truum avun­cu­lum ami­tam, con­so­bri­num con­so­bri­nam, uxo­rem vi­rum ge­ne­rum so­crum, vi­tri­cum, pri­vi­gnum pri­vi­gnam, pa­tro­num pa­tro­nam oc­ci­de­rit cu­ius­ve do­lo ma­lo id fac­tum erit, ut poe­na ea te­n­ea­tur quae est le­gis Cor­ne­liae de si­ca­riis. sed et ma­ter, quae fi­lium fi­liam­ve oc­ci­de­rit, eius le­gis poe­na ad­fi­ci­tur, et avus, qui ne­po­tem oc­ci­de­rit: et prae­ter­ea qui emit ve­ne­num ut pa­tri da­ret, quam­vis non po­tue­rit da­re.

1Marcian. lib. XIV. Inst. Durch das Pompejische Gesetz über die Verwandtenmörder wird vorgeschrieben, dass, wer Vater, Mutter, Grossvater, Grossmutter, Bruder, Schwester, Vatersgeschwisterkind, Muttergeschwisterkind, Vatersbruder, Mutterbruder, Vaterschwester, Mutterschwester, Geschwisterkinder, Mann, Frau, Schwiegersohn, Schwiegertochter, Schwiegervater, Schwiegermutter, Stiefvater, Stiefsohn, Stieftochter, Freilasser oder Freilasserin getödtet hat, oder durch wessen Arglist es geschehen sein wird, dieselbe Strafe erleiden solle, welche durch das Cornelische Gesetz über die Mörder vorgeschrieben ist. Auch die Mutter, welche ihren Sohn oder Tochter getödtet hat, wird mit der Strafe dieses Gesetzes belegt, so wie der Grossvater, welcher den Enkel getödtet hat, und endlich auch Der, wer Gift gekauft hat, es seinem Vater zu geben, wenn er es ihm auch nicht hat beibringen können.

2Scae­vo­la li­bro quar­to re­gu­la­rum. Fra­ter au­tem eius, qui co­gno­ve­rat tan­tum nec pa­tri in­di­ca­ve­rat, rele­ga­tus est et me­di­cus sup­pli­cio af­fec­tus.

2Scaevola lib. IV. Regul. Der Bruder desselben, welcher es blos wusste, ohne es dem Vater anzuzeigen, ist verwiesen, der Arzt aber [der hilfreich gewesen], mit dem Tode bestraft worden.

3Mar­cia­nus li­bro quar­to de­ci­mo in­sti­tu­tio­num. Sed scien­dum est le­ge Pom­peia de con­so­bri­no com­pre­hen­di, sed non et­iam eos pa­ri­ter com­plec­ti, qui pa­ri pro­pio­re­ve gra­du sunt. sed et no­ver­cae et spon­sae per­so­nae omis­sae sunt, sen­ten­tia ta­men le­gis con­ti­nen­tur:

3Marcian. lib. XIV. Inst. Es ist zu bemerken, dass im Pompejischen Gesetze auch von den Geschwisterkindern die Rede ist, allein es werden nicht Diejenigen gerade gleichmässig inbegriffen, die in gleicher oder näherer Abstufung stehen. Dagegen sind die Personen der Stiefmutter und der Braut zwar ausgelassen, sind jedoch dem Sinne nach darin begriffen,

4Idem li­bro pri­mo de pu­bli­cis iu­di­ciis. cum pa­ter et ma­ter spon­si spon­sae so­ce­ro­rum, ut li­be­ro­rum spon­si ge­ne­ro­rum ap­pel­la­tio­ne con­ti­nen­tur.

4Idem lib. XIV. Inst. indem Vater und Mutter des Bräutigams und der Braut unter dem Namen der Schwiegereltern, wie die Verlobten der Kinder unter dem der Schwiegerkinder begriffen werden11Ueber diese und das vorige Fragment s. Bynkershoek Obs. Lib. I. c. 4..

5Idem li­bro quar­to de­ci­mo in­sti­tu­tio­num. Di­vus Ha­d­ria­nus fer­tur, cum in ve­na­tio­ne fi­lium suum qui­dam ne­ca­ve­rat, qui no­ver­cam ad­ul­te­ra­bat, in in­su­lam eum de­por­tas­se, quod la­tro­nis ma­gis quam pa­tris iu­re eum in­ter­fe­cit: nam pa­tria po­tes­tas in pie­ta­te de­bet, non atro­ci­ta­te con­sis­te­re.

5Idem lib. XIV. Inst. Es wird erzählt, Divus Hadrianus habe, als [ein Vater] seinen Sohn, der mit der Stiefmutter Ehebruch getrieben, auf der Jagd getödtet hatte, denselben auf eine Insel deportiren lassen, indem er ihn mehr nach Strassenräuberart, als vermöge seines Rechts als Vater ums Leben gebracht habe, denn die väterliche Gewalt müsse sich in Liebe und nicht in Grausamkeit äussern.

6Ul­pia­nus li­bro oc­ta­vo de of­fi­cio pro­con­su­lis. Utrum qui oc­ci­de­runt pa­ren­tes an et­iam con­scii poe­na par­ri­ci­dii ad­fi­cian­tur, quae­ri pot­est. et ait Mae­cia­nus et­iam con­scios ea­dem poe­na ad­fi­cien­dos, non so­lum par­ri­ci­das. pro­in­de con­scii et­iam ex­tra­nei ea­dem poe­na ad­fi­cien­di sunt.

6Ulp. lib. VIII. de off. Procons. Trifft die Strafe des Verwandtenmordes Diejenigen, welche ihre Eltern ermordet haben, allein, oder auch die Mitwisser? Maecianus sagt, auch die Mitwisser müssen ebenso gestraft werden, und nicht blos die Elternmörder. Auch nichtverwandte Mitwisser müssen daher mit derselben Strafe belegt werden.

7Idem li­bro vi­cen­si­mo no­no ad edic­tum. Si scien­te cre­di­to­re ad sce­lus com­mit­ten­dum pe­cu­nia sit sub­mi­nis­tra­ta, ut pu­ta si ad ve­ne­ni ma­li com­pa­ra­tio­nem vel et­iam ut la­tro­ni­bus ad­gres­so­ri­bus­que da­re­tur, qui pa­trem in­ter­fi­ce­rent: par­ri­ci­dii poe­na te­ne­bi­tur, qui quae­sie­rit pe­cu­niam qui­que eo­rum ita cre­di­de­rint aut a quo ita ca­ve­rint.

7Idem lib. XXIX. ad Ed. Wenn mit Vorwissen des Gläubigers Geld zur Begehung eines Verbrechens hergeschossen worden ist, z. B. zum Ankauf von Gift, oder um an Strassenräuber und Meuchelmörder gegeben zu werden, damit diese den Vater ums Leben bringen möchten, so wird mit der Strafe des Verwandtenmordes belegt werden, wer das Geld verschafft, wer es zu dem Ende hergeliehen, und wer es von demselben geliehen hat22S. zu dieser Stelle Budaeus l. l. p. 40..

8Idem li­bro oc­ta­vo dis­pu­ta­tio­num. Par­ri­ci­dii pos­tu­la­tus si in­ter­im de­ces­se­rit, si qui­dem si­bi mor­tem con­sci­vit, suc­ces­so­rem fis­cum ha­be­re de­be­bit: si mi­nus, eum quem vo­luit, si mo­do tes­ta­men­tum fe­cit: si in­tes­ta­tus de­ces­sit, eos he­redes ha­be­bit, qui le­ge vo­can­tur.

8Idem lib. VIII. Disput. Wenn der des Verwandtenmordes Angeklagte inzwischen mit Tode abgegangen ist, so wird ihn, falls er sich selbst entleibt hat, der Fiscus beerben, wo nicht, Der, den er will, wenn er ein Testament gemacht hat; starb er untestirt, so werden ihn die gesetzmässigen Erben beerben.

9Mo­des­ti­nus li­bro duo­de­ci­mo pan­dec­ta­rum. Poe­na par­ri­ci­dii mo­re ma­io­rum haec in­sti­tu­ta est, ut par­ri­ci­da vir­gis san­gui­neis ver­be­ra­tus de­in­de cul­leo in­sua­tur cum ca­ne, gal­lo­gal­li­na­ceo et vi­pe­ra et si­mia: de­in­de in ma­re pro­fun­dum cul­leus iac­ta­tur. hoc ita, si ma­re pro­xi­mum sit: alio­quin bes­tiis ob­ici­tur se­cun­dum di­vi Ha­d­ria­ni con­sti­tu­tio­nem. 1Qui alias per­so­nas oc­ci­de­rint prae­ter ma­trem et pa­trem et avum et aviam (quos mo­re ma­io­rum pu­ni­ri su­pra di­xi­mus), ca­pi­tis poe­na plec­ten­tur aut ul­ti­mo sup­pli­cio mac­tan­tur. 2Sa­ne si per fu­ro­rem ali­quis pa­ren­tem oc­ci­de­rit, im­pu­ni­tus erit, ut di­vi fra­tres re­scrip­se­runt su­per eo, qui per fu­ro­rem ma­trem ne­ca­ve­rat: nam suf­fi­ce­re fu­ro­re ip­so eum pu­ni­ri, di­li­gen­tius­que cus­to­dien­dum es­se aut et­iam vin­cu­lis co­er­cen­dum.

9Modestin. lib. XII. Pand. Als Strafe für den Verwandtenmord ist nach der Sitte der Alten die eingeführt worden, dass der Elternmörder33Parricidio hier im engsten Sinn. mit blutigen Ruthen gestrichen, sodann in einen ledernen Sack mit einem Hunde, einem Hahn, einer Viper und einem Affen eingenähet und der Sack in’s Meer, wo es am tiefsten ist, geworfen werde. Es ist hierbei vorausgesetzt, dass das Meer nahe sei, sonst wird er, der Constitution des Divus Hadrianus zufolge, den wilden Thieren vorgeworfen. 1Wer andere [verwandte] Personen ausser Mutter und Vater, Grossvater und Grossmutter ermordet hat, welche, wie wir gesagt haben, nach Sitte der Alten gestraft werden, wird mit der Capitalstrafe oder mit dem Tode bestraft. 2Wer freilich seinen Vater im Wahnsinn getödtet hat, der wird straflos sein, wie die kaiserlichen Brüder in Betreff eines Solchen rescribirt haben, der seine Mutter getödtet hatte; denn der Wahnsinn selbst ist eine hinreichende Strafe, und er muss fleissiger bewacht, oder auch in Banden gelegt werden.

10Pau­lus li­bro sin­gu­la­ri de poe­nis om­nium le­gum. Eo­rum, qui par­ri­ci­dii poe­na te­ne­ri pos­sunt, sem­per ac­cu­sa­tio per­mit­ti­tur.

10Paul. lib. sing. de poen. omn. leg. Die Anklage Derer, welche mit der Strafe des Verwandtenmords belegt werden können, erlischt niemals.