Corpus iurisprudentiae Romanae

Repertorium zu den Quellen des römischen Rechts

Digesta Iustiniani Augusti

Recognovit Mommsen (1870) et retractavit Krüger (1928)
Deutsche Übersetzung von Otto/Schilling/Sintenis (1830–1833)
Buch 47 übersetzt von Sintenis
Dig. XLVII22,
De collegiis et corporibus
Liber quadragesimus septimus
XXII.

De collegiis et corporibus

(Von Genossenschaften und Körperschaften.)

1Mar­cia­nus li­bro ter­tio in­sti­tu­tio­num. Man­da­tis prin­ci­pa­li­bus prae­ci­pi­tur prae­si­di­bus pro­vin­cia­rum, ne pa­tian­tur es­se col­le­gia so­da­li­cia ne­ve mi­li­tes col­le­gia in cas­tris ha­beant. sed per­mit­ti­tur te­nuio­ri­bus sti­pem mens­truam con­fer­re, dum ta­men se­mel in men­se co­eant, ne sub prae­tex­tu hu­ius­mo­di il­li­ci­tum col­le­gium co­eat. quod non tan­tum in ur­be, sed et in Ita­lia et in pro­vin­ciis lo­cum ha­be­re di­vus quo­que Se­ve­rus re­scrip­sit. 1Sed re­li­gio­nis cau­sa co­ire non pro­hi­ben­tur, dum ta­men per hoc non fiat con­tra se­na­tus con­sul­tum, quo il­li­ci­ta col­le­gia ar­cen­tur. 2Non li­cet au­tem am­plius quam unum col­le­gium li­ci­tum ha­be­re, ut est con­sti­tu­tum et a di­vis fra­tri­bus: et si quis in duo­bus fue­rit, re­scrip­tum est eli­ge­re eum opor­te­re, in quo ma­gis es­se ve­lit, ac­cep­tu­rum ex eo col­le­gio, a quo re­ce­dit, id quod ei com­pe­tit ex ra­tio­ne, quae com­mu­nis fuit.

1Marcian. lib. III. Inst. Es ist durch kaiserliche Mandate den Provinzialpräsidenten aufgegeben worden, keine Genossenschaften und Vereine zu dulden, noch dass die Soldaten in den Lägern Genossenschaften bilden; allein es wird gestattet, die Aermeren mit einem einmonatlichen Solde zu unterstützen, doch sollen sie nur einmal im Monat sich versammeln dürfen, damit sie nicht unter einem Vorwande der Art eine unerlaubte Genossenschaft bilden; dies findet nicht nur in der Stadt Rom, sondern auch in Italien und den Provinzen statt, hat Divus Severus auch rescribirt. 1Der Religion wegen Versammlungen zu halten, ist ihnen unbenommen, sobald dadurch dem Senatsbeschluss nicht zuwidergehandelt wird, wodurch die unerlaubten Genossenschaften verboten sind. 2Man darf aber nur an einer erlaubten Genossenschaft Theil nehmen; wer Mitglied zweier ist, der, ist rescribirt worden, muss wählen, bei welcher er bleiben wolle, wogegen er denn aus der Genossenschaft, aus welcher er austritt, Dasjenige, was ihm aus der gemeinschaftlichen Rechnung gebührt, erhalten soll.

2Ul­pia­nus li­bro sex­to de of­fi­cio pro­con­su­lis. Quis­quis il­li­ci­tum col­le­gium usur­pa­ve­rit, ea poe­na te­ne­tur, qua te­nen­tur, qui ho­mi­ni­bus ar­ma­tis lo­ca pu­bli­ca vel tem­pla oc­cu­pas­se iu­di­ca­ti sunt.

2Ulp. lib. VI. de off. Procons. Jeder, wer eine unerlaubte Genossenschaft gebildet hat, haftet durch die Strafe, womit Diejenigen belegt werden, welche öffentliche Plätze oder Tempel mit Bewaffneten besetzt zu haben, verurtheilt worden sind.

3Mar­cia­nus li­bro se­cun­do iu­di­cio­rum pu­bli­co­rum. Col­le­gia si qua fue­rint il­li­ci­ta, man­da­tis et con­sti­tu­tio­ni­bus et se­na­tus con­sul­tis dis­sol­vun­tur: sed per­mit­ti­tur eis, cum dis­sol­vun­tur, pe­cu­nias com­mu­nes si quas ha­bent di­vi­de­re pe­cu­niam­que in­ter se par­ti­ri. 1In sum­ma au­tem, ni­si ex se­na­tus con­sul­ti auc­to­ri­ta­te vel Cae­sa­ris col­le­gium vel quod­cum­que ta­le cor­pus co­ie­rit, con­tra se­na­tus con­sul­tum et man­da­ta et con­sti­tu­tio­nes col­le­gium ce­le­brat. 2Ser­vos quo­que li­cet in col­le­gio te­nuio­rum re­ci­pi vo­len­ti­bus do­mi­nis, ut cu­ra­to­res ho­rum cor­po­rum sciant, ne in­vi­to aut igno­ran­te do­mi­no in col­le­gium te­nuio­rum re­ci­pe­rent, et in fu­tu­rum poe­na te­nean­tur in sin­gu­los ho­mi­nes au­reo­rum cen­tum.

3Marcian. lib. II. judic. publ. Ad Dig. 47,22,3 pr.Windscheid: Lehrbuch des Pandektenrechts, 7. Aufl. 1891, Bd. I, § 62, Note 2.Unerlaubte Genossenschaften werden nach Mandaten, Constitutionen und Senatsbeschlüssen aufgelöst; es wird ihnen aber, wenn sie aufgelöst werden, gestattet, die etwanigen gemeinschaftlichen Gelder, wenn sie deren haben sollten, zu theilen und das Geld unter sich zu vertheilen. 1Ueberhaupt [gilt hier als Regel], dass, wenn eine Genossenschaft oder sonst eine Körperschaft der Art nicht vermöge eines Senatsbeschlusses oder der Ermächtigung des Kaisers zusammengetreten ist, dieselbe den Senatsbeschlüssen, Mandaten und Constitutionen zuwider gehalten wird. 2Auch Sclaven dürfen in eine Armengenossenschaft mit Einwilligung ihrer Herren aufgenommen werden, und mögen die Curatoren dieser Körperschaften wissen, dass sie dergleichen wider Willen oder Wissen ihrer Herren in keine Armengenossenschaft aufnehmen dürfen, und künftighin für jeden einzelnen Sclaven [im entgegengesetzten Fall] eine Strafe von hundert Goldstücken erlegen sollen.

4Gaius li­bro quar­to ad le­gem duo­de­cim ta­bu­la­rum. So­da­les sunt, qui eius­dem col­le­gii sunt: quam Grae­ci ἑταιρείαν vo­cant. his au­tem po­tes­ta­tem fa­cit lex pac­tio­nem quam ve­lint si­bi fer­re, dum ne quid ex pu­bli­ca le­ge cor­rum­pant. sed haec lex vi­de­tur ex le­ge So­lo­nis tra­la­ta es­se. nam il­luc ita est: ἐὰν δὲ δῆμος ἢ φράτορες ἢ ἱερῶν ὀργίων ἢ ναῦται ἢ σύσσιτοι ἢ ὁμόταφοι ἢ θιασῶται ἢ ἐπὶ λείαν οἰχόμενοι ἢ εἰς ἐμπορίαν, ὅτι ἂν τούτων διαθῶνται πρὸς ἀλλήλους, κύριον εἶναι, ἐὰν μὴ ἀπαγορεύσῃ δημόσια γράμματα.

4Gaj. lib. IV. ad leg. XII Tab. Genossen sind Diejenigen, die an derselben Genossenschaft Theil nehmen, die griechisch ἑταιρία heisst. Diesen gesteht das Gesetz die Fähigkeit zu, für sich selbst Verordnungen zu erlassen, sobald sie nur nichts an den öffentlichen Gesetzen ändern. Dieses Gesetz scheint aus dem Gesetze des Solon übertragen zu sein; denn hier heisst es so: „Wenn das Volk, oder die Mitglieder von Brüderschaften, oder die Priester geheimer religiöser Feierlichkeiten, oder die Schiffer, oder Tischgenossen, oder die Theilhaber an demselben Begräbniss, oder die Schmausgenossen, oder die zusammen auf Beute [wider die Feinde] ausgehen, oder Handelsgenossen, irgend Etwas unter sich festsetzen, das soll unverbrüchlich gehalten werden, sobald es nicht die öffentlichen Gesetze verbieten11Ich bin bei der Uebersetzung obiger Stelle dem v. Bynkershoek Obs. I. 16. gefolgt, ohne jedoch von unserm Text abzuweichen; ich bemerke: δῆμος habe ich mit ihm übersetzt: Volk, d. h. das ganze Volk, nicht curia oder tribus, wie Andere wollen, s. Desider. Herald. Obs. c. 42. (T. O. II. 1364.) Dieser nimmt die folgenden Corporationen als Unterabtheilungen aus dem δῆμος. Ἤ ἱερεῖς ὀργίων habe ich mit unserm Text behalten; wohl möglich, dass Bynk. Recht hat, zu lesen: φράτορες ἱερῶν ὀργίων. — Διασῶται sind Mitglieder eines θίασος, ursprünglich eine religiöse Versammlung, die nachher in Schmausereien übergingen. Ἐπὶ λείαν οἰχόμενοι versteht Bynk. als Corsarengenossenschaften, die gegen die Feinde auf eigene Hand zu Felde ziehen. Dem Bynk. stimmt völlig bei Ever. Otto in Praef. p. 36. ad Thes. T. III..