Corpus iurisprudentiae Romanae

Repertorium zu den Quellen des römischen Rechts

Digesta Iustiniani Augusti

Recognovit Mommsen (1870) et retractavit Krüger (1928)
Deutsche Übersetzung von Otto/Schilling/Sintenis (1830–1833)
Buch 47 übersetzt von Sintenis
Dig. XLVII15,
De praevaricatione
Liber quadragesimus septimus
XV.

De praevaricatione

(Von der Prävarication.)

1Ul­pia­nus li­bro sex­to ad edic­tum prae­to­ris. Prae­va­ri­ca­tor est qua­si va­ri­ca­tor, qui di­ver­sam par­tem ad­iu­vat pro­di­ta cau­sa sua. quod no­men La­beo a va­ria cer­ta­tio­ne trac­tum ait: nam qui prae­va­ri­ca­tur, ex utra­que par­te con­sti­tit, quin im­mo ex al­te­ra. 1Is au­tem prae­va­ri­ca­tor pro­prie di­ci­tur, qui pu­bli­co iu­di­cio ac­cu­sa­ve­rit: ce­te­rum ad­vo­ca­tus non pro­prie prae­va­ri­ca­tor di­ci­tur. quid er­go de eo fiet? si­ve pri­va­to iu­di­cio si­ve pu­bli­co prae­va­ri­ca­tus sit, hoc est pro­di­de­rit cau­sam, hic ex­tra or­di­nem so­let pu­ni­ri.

1Ulp. lib. VI. ad Ed. Praet. Ein Prävaricator ist gleichsam ein Varicator11S. Anm. zu l. 4. ult. de his, qui notantur inf.; über die Etymologie s. Duker. l. l. p. 174., der beiden Theilen beisteht, und dabei ihre Sache verräth. Labeo sagt, dieser Name komme her von varia certatione (veränderlicher Streit), denn wer prävaricirt, der steht auf beiden Seiten, ja sogar auf der gegnerischen. 1Ein Prävaricator heisst eigentlich Derjenige, der in einem öffentlichen Verfahren als Ankläger aufgetreten ist22S. Duker. l. l. p. 174.; ein Advocat wird eigentlich nicht Prävaricator genannt. Was wird aber mit einem solchen werden, wenn er in einem Privat- oder einem öffentlichen Verfahren prävaricirt hat? — d. h. eine Sache verrathen hat2. — Ein solcher wird ausserordentlicherweise gestraft.

2Ul­pia­nus li­bro no­no de of­fi­cio pro­con­su­lis. Scien­dum, quod ho­die is, qui prae­va­ri­ca­ti sunt, poe­na in­iun­gi­tur ex­tra­or­di­na­ria.

2Ulp. lib. IX. de off. Procons. Es ist zu wissen, dass heutzutage Denen, die prävaricirt haben, eine ausserordentliche Strafe auferlegt wird.

3Ma­cer li­bro pri­mo pu­bli­co­rum iu­di­cio­rum. Prae­va­ri­ca­tio­nis iu­di­cium aliud pu­bli­cum, aliud mo­ri­bus in­duc­tum est. 1Nam si reus ac­cu­sa­to­ri pu­bli­co iu­di­cio id­eo prae­scri­bat, quod di­cat se eo­dem cri­mi­ne ab alio ac­cu­sa­tum et ab­so­lu­tum, ca­ve­tur le­ge Iu­lia pu­bli­co­rum, ut non prius ac­cu­se­tur, quam de prio­ris ac­cu­sa­to­ris prae­va­ri­ca­tio­ne con­sti­te­rit et pro­nun­tia­tum fue­rit. hu­ius er­go prae­va­ri­ca­tio­nis pro­nun­tia­tio pu­bli­ci iu­di­cii in­tel­le­gi­tur. 2Quod si ad­vo­ca­to prae­va­ri­ca­tio­nis cri­men in­ten­da­tur, pu­bli­cum iu­di­cium non est: nec in­ter­est, pu­bli­co an pri­va­to iu­di­cio prae­va­ri­ca­tus di­ca­tur. 3Si id­eo quis ac­cu­se­tur, quod di­ca­tur cri­men iu­di­cii pu­bli­ci de­sti­tuis­se, iu­di­cium pu­bli­cum non est, quia ne­que le­ge ali­qua de hac re cau­tum est, ne­que per se­na­tus con­sul­tum, quo poe­na quin­que au­ri li­bra­rum in de­sis­ten­tem sta­tui­tur, pu­bli­ca ac­cu­sa­tio in­duc­ta est.

3Macer. lib. I. publ. judic. Das Verfahren wegen Prävarication kann ein doppeltes sein, ein öffentliches und ein durch das Herkommen begründetes. 1Denn wenn ein Angeklagter dem Ankläger in einem öffentlichen Verfahren darum eine Einrede entgegenstellt, weil er angiebt, er sei desselben Verbrechens von einem Andern bereits angeklagt und freigesprochen worden, so ist in dem Julischen Gesetze über öffentliche Verfahren verordnet worden, dass er nicht eher angeklagt werden solle, als über die Prävarication des ersten Anklägers sich Gewissheit ergeben und rechtlich erkannt worden sei; der Ausspruch über eine solche Prävarication wird also als über ein öffentliches Verfahren geschehen betrachtet. 2Wird hingegen einem Advocaten das Verbrechen der Prävarication vorgeworfen, so ist dies kein öffentliches Verfahren; es ist dabei einerlei, ob angegeben wird, er habe in einem öffentlichen oder in einem Privatverfahren prävaricirt. 3Wenn Jemand darum angeklagt wird, dass er [die Verfolgung] eines Verbrechens, worüber öffentliches Verfahren eingeleitet worden, eingestellt habe, so ist dies kein [Gegenstand für ein] öffentliches Verfahren, weil weder in einem Gesetze darüber Etwas verordnet worden, noch durch den [Turgilianischen] Senatsbeschluss, wodurch eine Strafe von fünf Pfund Goldes gegen den davon Ablassenden bestimmt wird, eine öffentliche Anklage eingeführt ist.

4Idem li­bro se­cun­do pu­bli­co­rum iu­di­cio­rum. Si is, de cu­ius ca­lum­nia agi pro­hi­be­tur, prae­va­ri­ca­tor in cau­sa iu­di­cii pu­bli­ci pro­nun­tia­tus sit, in­fa­mis erit.

4Idem lib. II. publ. judic. Wenn Derjenige, wegen dessen wissentlich falscher Anklage zu klagen verboten ist33S. Jacob. Lectius ad Aemil. Macr. de publ. jud. ad h. l. (T. O. I. p. 97.) z. B. curatores, tutores., in der Angelegenheit eines öffentlichen Verfahrens für einen Prävaricator durch richterliches Erkenntniss erachtet worden ist, so wird er infamirt sein.

5Ve­nu­leius Sa­tur­ni­nus li­bro se­cun­do pu­bli­co­rum iu­di­cio­rum. Ac­cu­sa­tor in prae­va­ri­ca­tio­ne con­vic­tus post­ea ex le­ge non ac­cu­sat.

5Venulej. Saturnin. lib. II. publ. judic. Der einmal der Prävarication überführte Ankläger kann nachher aus einem Gesetze keine Anklage erheben.

6Pau­lus li­bro sin­gu­la­ri de iu­di­cis pu­bli­cis. Aab im­pe­ra­to­re nos­tro et pa­tre eius re­scrip­tum est, ut in cri­mi­ni­bus, quae ex­tra or­di­nem ob­iciun­tur, prae­va­ri­ca­to­res ea­dem poe­na ad­fi­cian­tur, qua te­ne­ren­tur, si ip­si in le­gem com­mis­sis­sent, qua reus per prae­va­ri­ca­tio­nem ab­so­lu­tus est.

6Paul. lib. sing. de publ. judic. Es ist von unserm Kaiser und seinem Vater rescribirt worden, dass die Prävaricatoren in solchen Verbrechen, die ausserordentlicherweise zur Untersuchung gezogen werden, mit derselben Strafe belegt werden sollen, welche sie treffen würde, wenn sie dem Gesetze zuwidergehandelt hätten, von dessen [Strafe] der Angeklagte durch die Prävarication freigesprochen worden ist.

7Ul­pia­nus li­bro quar­to de cen­si­bus. In om­ni­bus cau­sis, prae­ter­quam in san­gui­ne, qui de­la­to­rem cor­ru­pit, ex se­na­tus con­sul­to pro vic­to ha­be­tur.

7Ulp. lib. IV. de Cens. In allen Fällen, ausgenommen worauf Todesstrafe steht, wird Derjenige, der einen Angeber bestochen hat, durch den Senatsbeschluss für überführt erachtet.