Corpus iurisprudentiae Romanae

Repertorium zu den Quellen des römischen Rechts

Digesta Iustiniani Augusti

Recognovit Mommsen (1870) et retractavit Krüger (1928)
Deutsche Übersetzung von Otto/Schilling/Sintenis (1830–1833)
Buch 47 übersetzt von Sintenis
Dig. XLVII14,
De abigeis
Liber quadragesimus septimus
XIV.

De abigeis

(Von den Viehdieben1.)

1Eigentlich: die das Vieh von der Weide wegtreiben und stehlen.

1Ul­pia­nus li­bro oc­ta­vo de of­fi­cio pro­con­su­lis. De ab­igeis pu­nien­dis ita di­vus Ha­d­ria­nus con­si­lio Bae­ti­cae re­scrip­sit: ‘ab­igei cum du­ris­si­me pu­niun­tur, ad gla­dium dam­na­ri so­lent. pu­niun­tur au­tem du­ris­si­me non ubi­que, sed ubi fre­quen­tius est id ge­nus ma­le­fi­cii: alio­quin et in opus et non­num­quam tem­po­ra­rium dan­tur’. 1Ab­igei au­tem pro­prie hi ha­ben­tur, qui pe­co­ra ex pas­cuis vel ex ar­men­tis sub­tra­hunt et quo­dam­mo­do de­prae­dan­tur, et ab­igen­di stu­dium qua­si ar­tem ex­er­cent, equos de gre­gi­bus vel bo­ves de ar­men­tis ab­du­cen­tes. ce­te­rum si quis bo­vem ab­er­ran­tem vel equos in so­li­tu­di­ne re­lic­tos ab­du­xe­rit, non est ab­igeus, sed fur po­tius. 2Sed et qui por­cam vel ca­pram vel ver­vi­cem ab­du­xit, non tam gra­vi­ter quam qui ma­io­ra ani­ma­lia ab­igunt, plec­ti de­bent. 3Quam­quam au­tem Ha­d­ria­nus me­tal­li poe­nam, item ope­ris vel et­iam gla­dii prae­sti­tue­rit, at­ta­men qui ho­nes­tio­re lo­co na­ti sunt, non de­bent ad hanc poe­nam per­ti­ne­re, sed aut rele­gan­di erunt aut mo­ven­di or­di­ne. sa­ne qui cum gla­dio ab­igunt, non in­ique bes­tiis ob­iciun­tur. 4Qui pe­co­ra, de quo­rum pro­prie­ta­te fa­cie­bat con­tro­ver­siam, ab­egit, ut Sa­tur­ni­nus qui­dem scri­bit, ad exa­mi­na­tio­nem ci­vi­lem re­mit­ten­dus est. sed hoc ita de­mum pro­ban­dum est, si non co­lor ab­igea­tus quae­si­tus est, sed ve­re pu­ta­vit sua ius­tis ra­tio­ni­bus duc­tus.

1Ulp. lib. VIII. de off. Procons. Ueber die Bestrafung der Viehdiebe hat Divus Hadrianus an den Proconsul von Bätica folgendermaassen rescribirt: Da die Viehdiebe am schärfsten gestraft werden, so werden sie in der Regel mit dem Schwerte gerichtet; diese harte Strafe findet jedoch nicht überall statt, sondern blos da, wo dieses Verbrechen häufiger vorkommt; sonst werden sie auch zuweilen mit zeitlicher Strafarbeit bestraft. 1Viehdiebe sind eigentlich Diejenigen, die Vieh von den Weiden oder Heerden wegtreiben, also gewissermaassen rauben, und das Viehwegtreiben als ein Gewerbe üben, indem sie Pferde oder Rindvieh22Equos de gregibus vel boves de armentis; wir haben kein zwiefaches Wort für Heerde. (Plattdeutsch: Hude.) von den Heerden entführen. Wer aber einen umherirrenden Ochsen oder alleingelassene Pferde entführt hat, der ist kein Viehdieb, sondern vielmehr ein Dieb. 2Auch wer Sauen, Ziegen oder Hammel weggeführt hat, darf nicht so hart wie Diejenigen gestraft werden, die grössere Thiere wegtreiben. 3Obwohl aber Hadrianus die Strafe der Bergwerksarbeit, sowie der Strafarbeit oder auch die des Schwertes bestimmt hat, so werden doch Leute höhern Ranges nicht mit dieser Strafe belegt, sondern müssen entweder verwiesen oder aus ihrem Stande gestossen werden. 4Wer Vieh weggetrieben hat, über dessen Eigenthum er Streit erhob, der wird, wie Saturninus zwar schreibt, zum civilrechtlichen Austrag der Sache verwiesen; allein dem ist nur dann beizupflichten, wenn nicht der Anstrich des Viehdiebstahls vorhanden ist, sondern er aus rechtmässigen Gründen dasselbe für sein gehalten hat.

2Ma­cer li­bro pri­mo pu­bli­co­rum iu­di­cio­rum. Ab­igea­tus cri­men pu­bli­ci iu­di­cii non est, quia fur­tum ma­gis est. sed quia ple­rum­que ab­igei et fer­ro utun­tur, si de­pre­hen­den­tur, id­eo gra­vi­ter et pu­ni­ri eo­rum ad­mis­sum so­let.

2Macer. lib. I. publ. judic. Das Verbrechen des Viehdiebstahls ist nicht Gegenstand eines öffentlichen Verfahrens, weil es mehr ein Diebstahl ist; weil aber die Viehdiebe meistens Waffen führen, so pflegt darum, wenn sie ergriffen werden, ihre That härter bestraft zu werden.

3Cal­lis­tra­tus li­bro sex­to de co­gni­tio­ni­bus. Oves pro nu­me­ro ab­ac­ta­rum aut fu­rem aut ab­igeum fa­ciunt. qui­dam de­cem oves gre­gem es­se pu­ta­ve­runt: por­cos et­iam quin­que vel quat­tuor ab­ac­tos, equum bo­vem vel unum ab­igea­tus cri­men fa­ce­re. 1Eum quo­que ple­nius co­er­cen­dum, qui a sta­bu­lo ab­egit do­mi­tum pe­cus, non a sil­va nec gre­ge. 2Qui sae­pius ab­ege­runt, li­cet sem­per unum vel al­te­rum pe­cus sub­ri­pue­rint, ta­men ab­igei sunt. 3Re­cep­to­res ab­igeo­rum qua poe­na plec­ti de­beant, epis­tu­la di­vi Tra­ia­ni ita ca­ve­tur, ut ex­tra ter­ram Ita­liam de­cem an­nis rele­ga­ren­tur.

3Callistrat. lib. VI. de cognition. Rücksichtlich der Schafe bestimmt den Begriff Dieb oder Viehdieb die Anzahl der weggetriebenen Thiere. Manche nehmen an, zehn Schafe seien eine Heerde; bei Schweinen aber sei schon, wenn fünf oder vier fortgetrieben worden, das Verbrechen des Viehdiebstahls vorhanden, bei Pferden und Rindvieh aber, wenn ein Stück. 1Auch Derjenige wird härter bestraft, der zahmes Vieh aus dem Stall geholt hat, und nicht aus dem Walde, oder von der Heerde. 2Wer öfters Vieh fortgetrieben hat, ist, wenn er auch nur immer ein oder das andere Stück Vieh gestohlen hat, doch ein Viehdieb. 3Mit welcher Strafe die Hehler der Viehdiebe bestraft werden müssen, ist in einem Brief des Divus Trajanus verordnet, und zwar sollen sie aus Italien zehn Jahre lang verwiesen werden.